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TWALD’S KLASSIKER
Nr. 52.
ABHANDLUNG
ÜBER DIE
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REESE LIBRARY
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UNIVERSITY OF CALIFORNIA
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Cla is No.
Physik und Astronomie:
Nr. 1. H. Helmhol tz, über d. Erhaltung der Kraft. (1847.) (00 S.) M — .8 1 :
. 2 .
C.F. 0an88, Allg. Lehrsätze in Beziehung auf d. im verkehrten Vc
hältnisse de» Quadrats der Entfernung wirkenden Anziehnngs- uni
Abstossungskräfte. (1840.) Herausg. v.A.Wangerin. (60S.)^ - 8 f
7. F.W. Bessel, Länge d. einfachen Secundenpendels. (1820.) Heraus!
toii H. Bruns. Mit 2 Taf. (171 S.) Jl 3. — .
10. F. Nonmann, D. mathem. Gesetze d. indudrten elektrischen Ström:
(1845.) llerausg. t. C. Neu mann. (96 S.) Jl 1.50.
11. Galileo Galilei, Unterredungen u. mathem. Demonstrationen ii
zwei neue Wissenszweige etc. (1638.) 1. Tag m. 13 n. 2. 1.
in. 26 l’ig. im Text. Aus d. Italien, übers, u. herausg. v. .
v. Göttin gen. (142 S.) Jl 3. — .
12. I. Kant, Theorie d. Himmels. (1755.) Herausg. v. II. Eber
(101 S.) Jl 1.50.
13. Conlomb . 4 Abhandlungen über d. Elektrlcität u. d. Magnetfsmu
(1785-1786.) Übers u. herausg. v. W. König. Mit 14 Textfif
(88 S.) Jl 1 80.
20. Chr. Huygliens, Abhandlung üb. d. Licht. (1678.) Herausg. vjj
E. Lommel. Mit 57 Textllg. (116 S.) 2.40.
21. W. Hittorf, Über d. Wanderungen der Ionen während der Elekti:
■ - ' ~ " " W.Ostwal
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lyse. (1853—1869.) I. Hälfte. Mit 1 Taf. Herausg. v
(87 8.) Jl 1.60.
“23. II. nälfte. Mit! Taf. Herausg. v. W. Ost wald.
(142 ;
Jl 1.50.
Fortsetruna aut der dritten Seite des Umschlages
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A bhandlung
Uber die
KRÄFTE DER ELECTRICITÄT
bei der
Muskelbewegung
ALOISIUS GALVANI
(Comm. Bonon. Sc. et Art. Iuat. et Acad. T. 7)
( 1791 )
Herausgegeben
A. J. von Oettiugcu.
Mit 21 Figuren auf vier Tafeln.
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(ÜNIVERSITT,
CAiiFOSNt^v.
LEIPZIG
VERLAG VON WILHELM ENGELMANN
1894 .
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[ 363 ]
/'V-t-SE LlfY,
f OF THE
(ÜNIVER
Aloisius Galvani,
Abhandlung über die Kräfte der Electricität
bei der Muskelbewegung.
(De ßononiensi Scientiarum et Artium Instituto atque
Acaclemia Commentarii. Tomus VII.)
Erster Theil.
Die Kräfte der künstlichen Electricität
bei der Mnskelbewegung.
In meinem Verlangen mir mit einem nicht un-
beträchtlichen Aufwand von Mühe nach vielen Experimenten
in den Nerven und Muskeln zu entdecken gelungen ist, soweit
brauchbar zu machen, dass deren verborgene Kräfte womöglich
klargelegt würden, und dass man ihre Krankheiten sicherer
heilen könnte, fand ich nichts geeigneteres zur Erfüllung
dieses Wunsches, als meine Resultate, wie sie eben waren,
einfach dem öffentlichen Urtheil zu unterbreiten. Denn her-
vorragende Gelehrte werden durch die Leetüre unserer Ab-
handlung in den Stand gesetzt, diese Resultate selbst durch
ihre Betrachtungen und Experimente weiter zu entwickeln und
vor allem jenes Ziel zu erreichen, welches wir selbst zwar
erstrebt haben, aber zu erreichen vielleicht sehr weit entfernt
waren.
Dabei fiel noch besonders ins Gewicht, dass ich diese
Arbeit vielleicht niemals, nicht einmal unvollendet und kaum
angefangen, hätte in die Oeffcntlichkeit bringen können, wenn
ich sie nicht in geringerer Vollendung und Abrundung ver-
öffentlichte. Da ich einsah, dass mir weder Zeit noch Müsse
noch geistige Fähigkeiten in hinreichendem Maasse zu Gebote
standen, um sie zum Abschluss zu bringen, wollte ich lieber
vernünftigerweise auf meinen sehr berechtigten Wunsch ver-
zichten, als auf den Erfolg der Sache selbst.
Ich glaubte daher etwas zu thun, was der Mühe werth
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Aloisius Galvani.
ist, wenn ich den Hergang meiner Entdeckungen kurz und
genau in der Reihenfolge und Gestalt vortragen würde, wie
sie mir theils Zufall und Glück darboten, theils Fleiss und Mühe
gewinnen halfen ; nicht nur damit nicht mir mehr als meinem
Glück oder dem Glück mehr als mir zugeschrieben würde,
sondern um denen, welche jene Versuche selbst anstellen
wollten, eine Fackel zu reichen. Ferner wollten wir dem
anerkennenswerthen Wunsche der Gelehrten, bei neuen Unter-
suchungen den Ursprung und die Entstehung kennen zu lernen,
gerecht werden.
Der Beschreibung der Versuche werde ich aber manche
Zusätze beifügen, manche Vermuthungen und Hypothesen, [364]
meist unter dem Gesichtspunkte, dass man zum Verständniss
neuer Versuche einen Weg ebnen muss, damit wenigstens, wenn
man auch nicht gerade auf ihm zur Wahrheit gelangen kann,
doch ein neuer Pfad zu derselben angebahnt wird.
Die Sache fing so an. Ich secirte einen Frosch und prä-
parirte ihn, wie in Fig. 2, Taf. I, und legte ihn, mich alles
anderen versehend, auf einen Tisch, auf dem eine Electrisir-
maschine stand, Fig. 1 , weit von deren Conductor getrennt und
durch einen nicht gerade kurzen Zwischenraum geschieden. Wie
nun der eine von den Leuten, die mir zur Hand gingen, mit
der Spitze des Skalpellmessers die inneren Schenkelnerven I) I)
des Frosches zufällig ganz leicht berührte, schienen sich alle
Muskeln an den Gelenken wiederholt derart zusammenznziehen,
als wären sie anscheinend von heftigen tonischen Krämpfen
befallen. Der andere aber, welcher uns bei Electricitätsver-
suchen behilflich war, glaubte bemerkt zu haben, dass sich
das ereignet hätte, während dem Conductor der Maschine ein
Funken entlockt wurde. Fig. 1 B. Verwundert über diese neue
Erscheinung machte er mich, der ich etwas gänzlich anderos
vor hatte und in Gedanken versunken war, darauf aufmerk-
sam. Daraufhin wurde ich von einem unglaublichen Eifer
und Begehren entflammt, dasselbe zu erproben und das, was
darunter verborgen wäre, ans Licht zu ziehen. Ich berührte
daher selbst mit der Messerspitze den einen oder den andern
Schenkelnerv und in dem Momente entlockte einer von den
Anwesenden einen Funken. Die Erscheinung blieb stets die-
selbe. Unfehlbar traten heftige Contractionen in den einzelnen
Muskeln der Gelenke in demselben Momente ein, in dem der
Funken übersprang, wie wenn das präparirte Thier vom Te-
tanus befallen wäre.
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Taf.I. Fig. 1 — 6.
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Aloisius Galvani.
In dem Bedenken aber, dass diese Bewegungen mehr von
der Berührung mit der Messerspitze, welche vielleicht den
Reiz bewirkte, als von dem Funken herrührten, habe ich
dieselben Nerven wieder auf dieselbe Weise bei anderen
Fröschen mit der Messerspitze berührt und zwar stärker, doch
ohne dass während dieser Zeit Jemand einen Funken hervor-
rief. Es wurden jedoch gar keine Bewegungen bemerkbar.
Dadurch bin ich zu der Ansicht gekommen , es sei vielleicht
zur Hervorrufung der Erscheinung die Berührung eines Kör-
pers und der electrische Funken zusammen erforderlich.
Deshalb habe ich die Schneide des Messers wiederum an
die Nerven gesetzt und unbeweglich festgehalten, während der
Funken übersprang und während die Maschine völlig ruhte.
Die Erscheinung trat nur ein , während der Funken über-
sprang.
Wir wiederholten das Experiment stets unter Anwendung
desselben Messers. Aber auffallender Weise traten beim
Ueberspringen des Funkens die beobachteten Bewegungen
manchmal ein, manchmal blieben sie aus.
[365] Durch die. Neuigkeit der Erscheinung angeregt
schickten wir uns an, die Sache auf die eine und die andere
Art zu versuchen und experimentell zu verfolgen, doch unter
Anwendung ein und desselben Skalpells, damit wir womöglich
die Ursachen der unerwarteten Verschiedenheit entdeckten.
Und diese neue Arbeit verlief nicht resultatlos. Denn wir
entdeckten , dass die ganze Erscheinung den verschiedenen
Theilen des Skalpells , an denen man es mit den Fingern
hielt, zuzuschreiben wäre. Denn, da das Skalpell einen
beinernen Griff hatte, so traten, wenn man diesen Griff mit
der Hand umschloss, beim Ueberspringen des Funkens keine
Zuckungen ein ; wohl aber , wenn man die Finger an die
Metallklinge oder an die die Klinge des Skalpells festhaltenden
eisernen Nägel legte.
Da nun einigermaassen trockene Knochen eine idio-
electrische, die Metallklinge aber und die eisernen Nägel eine
leitende oder sogenannte aneleetrisclie Natur zeigen, kamen
wir auf die Vermuthung, es verhielte sich so, dass, wenn
man mit den Fingern den beinernen Griff hielte, dem elec-
trischen Fluidum, welches auf irgend eine Weise in dem Frosch
thätig wird , jeder Zutritt verwehrt würde, dass er ihm aber
gestattet würde , wenn man die Klinge oder die mit dieser
communicirenden Nägel anfasste.
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Ueber die Kräfte der Electricität bei der Muskelbewegung. 7
Um nnn die Sache ausser allen Zweifel zu setzen, haben
wir uns anstatt des Skalpells bald eines dflnnen Glascylinders H
Fig. 2, der von aller Feuchtigkeit und jedem Stäubchen rein
polirt war, bald eines Eisencylinders G bedient. Mit dem
gläsernen berührten wir nicht nur die Schenkelnerven, son-
dern rieben sie tüchtig, während der Funken hervorgelockt
wurde. Aber vergeblich ; trotz aller Mühe trat nie die Er-
scheinung ein, auch wenn zahllose, stärkere Funken dem
Conductor der Maschine, selbst in geringer Entfernung von
dem Thier, entzogen wurden. Sie trat aber wohl ein, wenn
man mit dem Eisencylinder eben dieselben Nerven nur leicht
berührte und nur kleine Funken überspringen Hess.
Damit stand uns die Wahrheit unserer Vermuthung als
klar erwiesen fest, dass nämlich die Berührung eines leitenden
Körpers mit den Nerven erforderlich sei, damit die Erschei-
nung eintrete. Da aber sowohl der Körper, mit dem man die
Nerven berührte, als auch der Mensch, der dieselben berührte,
von Belang sein konnten, so brachten wir eben diese Nerven
an den Eisencylinder G, jedoch ohne ihn mit den Händen
festzuhalten, damit constatirt würde, ob dem Menschen und
dem Eisencylinder oder letzterem allein die Erscheinung zu-
zuschreiben sei. Bei dieser Versuchsanordnung trat beim Ueber-
springen des Funkens keine Bewegung der Muskeln ein. Fer-
ner haben wir an Stelle des Cylinders einen sehr langen Draht
KK Fig. 2 angewendet, um zu sehen, ob jener das Fehlen
des Menschen gewissermaassen wieder ausgleichen würde oder
nicht; und siehe da, wiederum Muskelcontractionen beim Ueber-
springen des Funkens.
Nach diesen Beobachtungen w'ar es uns klar, dass nicht
nur die Berührung [366] des leitenden Körpers mit den Ner-
ven, sondern auch eine gewisse Grösse und Ausdehnung des
ersteren zur Erlangung der Erscheinung erforderlich sei. Es
möge uns gestattet sein, einen derartigen Leiter im Folgenden
der Deutlichkeit und Kürze wegen einen Nervenconductor zu
nennen.
Mit dem Ende eines derartigen Conductor verbanden wir
den Frosch durch einen kleinen in sein Kückenmark gehef-
teten Haken Fig. 2 und drehten bald den Frosch, bald den Con-
ductor gegen die Maschine, so dass der Frosch der Maschine
bald nahe bald fern war , und deshalb bald die Füsse bald
die präparirten Nerven der Maschine zugekehrt waren, und
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Aloisius Galvani.
er den Conductor bald vor bald hinter sich hatte. Nichts-
destoweniger blieben die Contractionen immer dieselben.
Ausserdem untersuchten wir, ob auch die Erscheinung
bei präparirten Thieren an einem von der Maschine sehr fern
gelegenen Orte eintrete und ebenso bei der Anwendung sehr
langer Nerveuconductoren. Das Resultat war aber folgendes :
bei Anwendung eines Eisendrahtes von 100 und mehr Ellen
Länge traten beim Ueberspringen des Funkens die Muskelcon-
tractionen trotz der so grossen Entfernung von der Maschine
wohl ein. Einen Versuch stellten wir auf folgende Weise an.
Wir befestigten einen Eisendraht EE Fig. 3 an Seidenfäden
und isolirten ihn, wie die Physiker sagen. Das eine Ende
banden wir gleichfalls mit Eisendraht an einen in die Mauer
getriebenen Nagel F, das andere der Maschine abgekehrte
führten wir je nach der Länge des Drahtes in die einen oder
die anderen Zimmer. An dieses banden wir an der Stelle C
einen anderen Eisendraht B, an dessen Ende der Frosch hing,
und schlossen der Bequemlichkeit wegen den Frosch in ein Glas-
gefäss A, dessen Boden irgend eine leitende Substanz erfüllte,
wie Wasser beispielsweise oder ganz feines Jagdbleischrot,
wodurch das Experiment besser glückte. Aber wunderbar
wahrlich, beim Ueberspringen des Funkens aus dem Conductor
der Maschine bewegte sich der rumpflose Frosch trotz solcher
Entfernung und sprang förmlich in die Höhe. Ebenso ging
es, wenn der Frosch aus dem gläsernen Gefäss herausgenom-
men und genau so an den Conductor EE gehängt wurde,
und weit rascher, wenn an seinen Füssen ein leitender Körper
befestigt ward , welcher mit der Erde in Verbindung stand.
Nach diesen Erfahrungen mit dem isolirten Conductor
haben wir untersucht, was der nicht isolirte ergeben würde.
Deswegen haben wir eben den Eisendraht EE an die
einen und die anderen Thürangeln der Zimmer unseres Hauses,
deren Zahl sechs w’ar, gebunden, während wir das übrige wie
sonst anordneten. [367] Es traten zwar geringere, aber es
traten doch Contractionen in dem präparirten Frosch auf,
während der Funken übersprang.
Auf diese Erfahrung hin beschloss ich zu untersuchen, ob
nach allen Richtungen und im Kreise , wie es gleichfalls zu
erwarten war, die Wirkung einer derartigen Electricität auf-
treten und sich ausbreiten würde. Ich ordnete daher ver-
schiedene Nervenconductoren rings im Kreise herum um den
Conductor der Maschine an, in nicht unbedeutendem Abstand
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Ueber die Kräfte der Electricität bei der Muskelbewegung. 9
von derselben, und hing an jeden einzelnen von ihnen einen
präparirten Frosch, und beim Ueberspringen des Funkens be-
wegten sich (fürwahr ein ergötzliches Schauspiel) nicht selten
die einzelnen Frösche zu ein und derselben Zeit, am meisten,
wenn ein leitender Körper, wie bei obigem Experiment, die
Füsse der einzelnen berührte, und am besten, wenn derselbe
bis zur Erde geführt wurde, was leicht auszuführen war, oder,
wenn an die Füsse eines jeden einzelnen Frosches ein langer
Metalldraht gebunden wurde, oder, wenn man sie mit den
Fingern anfasste.
Aber die Entdeckung des Nutzens und der Nothwendig-
keit der leitenden Körper, welche die Füsse berührten, flösste
uns den Wunsch ein, noch andere Versuche darüber anzu-
stellen. Durch Ausführung derselben wurde festgestellt, dass die
leitenden Körper, die mit den Muskeln verbunden waren, zur
Erregung der Contractionen zuweilen ohne Nervenconductoren
hinreichten oder wenigstens von grossem Einfluss darauf waren.
Dieser Einfluss war um so grösser, je länger sie waren und
durch je grössere Leitfähigkeit sie sich auszeichneten , vor
allem, wenn sie mit der Erde in Verbindung standen , und
war mindestens so gross als der Einfluss jener, welche wir
an die Nerven zu binden pflegten.
Diese Leiter wollen wir im Folgenden Muskelconductoren
nennen, damit sie sich von unseren Nervenconductoren bequem
unterscheiden lassen.
Nun sahen wir aber keine Contractionen beim Ueber-
springen des Funkens erfolgen, auch wenn wir den Muskeln
ihren Conductor anhefteten, sobald der Nervenconductor weit
von der Maschine fortgeführt und durch irgend einen nicht lei-
tenden Körper unterbrochen ward, wie z. B. wenn er theils aus
leitender Metallsubstanz, theils aus nicht leitender Substanz,
wie Glas, Harz oder Seide sorgfältig zusammengefügt war, oder
wenn der Conductor B Fig. 3 mit dem Conductor EE nicht
im Punkte C verknüpft, sondern an einer seidenen Schlinge D
aufgehängt ward. Wahrhaftig ein neuer und unzweifelhafter
Beweis für das Fliessen der Electricität durch derartige Con-
ductoren .
Aber nicht nur mit der Einschaltung allein, sondern auch
mit dem gänzlichen Unterbrechen des Conductors haben wir
Versuche angestellt, indem wir die Enden des unterbrochenen
Conductors bis auf einen sehr geringen Abstand einander
näherten. Es trat überhaupt keine Erscheinung- ei«. — _
UNIVERSIT ~T
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Aloislus Galvani.
[368] Wir befleissigten uns auch auf eine andere Weise
den freien Weg der Electricität durch den Conductor zu
unterbrechen. Wir legten nämlich das präparirte Thier auf
eine nicht leitende Platte, seinen Nervenconductor aber ban-
den wir nicht wie früher entweder an die Nerven oder
an das Rückenmark , sondern legten ihn so auf eben diese
Platte, dass sein Epde eine beträchtliche Anzahl Linien, zu-
weilen auch eine Daumenlänge von ihnen abstand. Die Con-
tractionen zeigten sich beim Ueberspringen des Funkens, sie
zeigten sich auch, wenn die Glieder auf einer leitenden Platte,
die Nerven aber auf einer nicht leitenden in derselben Ent-
fernung lagen , sogar wenn die Nerven mit den Fingern in
die Höhe gehalten wurden, schliesslich bei Anwendung eines
kurzen oder eines langen Nervenconductors, ausserdem, wenn
sich das Thier nahe bei der Maschine oder auch fern von ihr
befand. Ganz und gar aber blieben sie ans, wenn die Nerven
und ihr Conductor von einander, wie oben, getrennt auf einer
leitenden Platte lagen.
Wir haben auch nicht unterlassen zu untersuchen, ob das,
was Electricität gewesen sein könnte, die Contractionen , von
denen wir schon oft gesprochen haben, erregen würde, wenn
es nicht die Oberfläche der Conductoren, sondern nur die
Substanz durchschreitet. Deshalb haben wir den Eisendraht,
welcher als Conductor diente, mit Ausnahme seiner Enden,
ganz mit nicht leitender Materie, nämlich gewöhnlichem
Wachs, Siegellack oder Pech überzogen und verhüllt. Und
beim Ueberspringen des Funkens traten wie bei einem freien
Conductor die Contractionen ein.
Nachdem diese Einzelheiten durch eine lange Reihe von
Experimenten erforscht und sicher gestellt waren, war es
nicht nur statthaft die Erscheinung solcher Contractionen der
Electricität zuzuschreiben, sondern auch die Versuchsbedin-
gungen gewissermaassen wie Gesetze anzusehen, an die sie
gebunden wären.
Die Muskelcontractionen schienen uns bis zu gewissen
Grenzen sowohl der Stärke der Funken und des Thieres,
als auch besonders der Ausdehnung der Nervenconductoren
direct, den Entfernungen vom Conductor der Maschine aber
umgekehrt proportional zu sein. Ebenso erschienen uns die
Contractionen meist grösser, wenn das Thier auf demselben
Tische, auf welchem die Maschine stand, lag, und der
Tisch mit Oelfarbe gestrichen war, oder, wenn das Thier
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Ueber die Kräfte der Electricität bei der Muskelbewegung. 1 1
von dem Tische weggenommen und auf eine nicht leitende,
und ja nicht auf eine leitende, Substanz hingestreckt wurde.
Ich habe zwar gesagt, dass augenscheinlich eine directe
Proportionalität bei den Contractionen statt hat, aber genau
genommen nnr in gewissen Grenzen. Denn z. B., wenn
[369] eine bestimmte Ausdehnung des Nervenconductors ge-
funden worden ist, welche zur Erzeugung der Contractionen
gerade hinreichend ist, so werden diese, wenn man die Aus-
dehnung verringert, nicht geringer, sondern sie bleiben aus.
Wenn man aber die Ausdehnung vermehrt, erstarken zwar
die Contractionen ; ist man aber bis zn einer gewissen Aus-
dehnung angelangt und dehnt mau den Nervenconductor über
diese hinaus bis zu jeder beliebigen Grösse ans, so wird man
jene Contractionen kaum und nicht einmal kaum vermehren ;
und dasselbe kann man auch von den anderen Elementen der
aufgestellten Proportion sagen.
Der von dem Conductor der Maschine entlockte Funken
schien uns, da seine Kraft zur Erregung der Muskelcontrac-
tionen sich aus der Beobachtung als so bedeutend erwies,
zu versprechen . dass die Contractionen bei jener electrischen
Flamme, welche bei der Entladung des magischen Quadrates
hervorbricht, weit grösser sein würde. Die Sache verlief
aber gänzlich anders ; denn zu unserer grössten Verwunderung
traten in dem in der üblichen Weise präparirten Thiere keine
Bewegungen ein.
Nach diesen Versuchen mit der sogenannten positiven
Electricität blieb uns noch übrig, ähnliches mit der nega-
tiven zu versuchen. Wir isolirten daher zuerst die Electri-
sirmaschine und den , welcher sie drehte. Dieser hielt einen
Eisenstab in der Hand, dem wir Frösche, welche mit Con-
ductoren, wie es nöthig war, versehen waren, näherten.
Die Frösche lagen auf einer Glasplatte, damit nicht die um-
grenzenden Körper ihnen Electricität mittheilten. Dann ent-
lockte der, welcher die Maschine drehte, mit dem erwähnten
Eisenstab fleissig den nächsten Gegenständen Funken. Wir
sahen ebenso Contractionen in den präparirten Fröschen auf-
treten, wie sie bei den aus dem Conductor der nicht isolirten
Maschine gezogenen Funken stattfanden. _J-
Ausserdem stellten wir mit negativer Electricität auf eine
andere Art Versuche an und zwar folgendermaassen. In
einer gewissen Entfernung von der negativen Belegung einer
Leydener Flasche legten wir den Nervenconductor C Fig. 4,
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Aloisius Galvani.
dann entlockten wir von der geladenen Belegung, wie die
Physiker sagen, oder von der mit positiver Electricität ge-
ladenen, Fig. 5, Funken. Die Frösche bewegten sich in
gleicher Weise , wie bei Anwendung von positiver Electri-
cität. Sie bewegten sich auch, wenn der Eisendraht, welcher
den Nervenconductor darstellte, etwas von der äusseren Be-
legung der Flasche entfernt war, auch wenn er in eine lange
Glasröhre ganz eingeschlossen wurde, und auch wenn der
Frosch selbst in ein Glas gesteckt ward, wenn das offene
Ende dieser Röhre die schon erwähnte äussere Flaschenbe-
legung berührte. Dann traten dieselben Contractionen ein,
wenn der Funken vom Haken der Leydener Flasche gerade
zu der Zeit entzogen wurde, in der die Flasche mit Elec-
tricität geladen ward, oder wenn er ein wenig nachher ent-
lockt wurde [370] an derselben Stelle, an der sie geladen
ward, oder auch anderswo und, nachdem die Flasche weit
von der Maschine weggesetzt war.
Ferner traten die Erscheinungen nicht nur auf, wenn die
Frösche mit einem Nervenconductor, sondern auch wenn sie
nur mit einem Muskelconductor versehen waren. Mit einem
Wort, in diesem Versuch mit der Flasche verlief alles, wie
bei dem mit der Maschine, ausser dass das präparirte Thier
weder von der äusseren Belegung der Flasche noch von be-
nachbarten Körpern noch von irgend einer anderen möglichen
Quelle Electricität empfangen konnte.
Wir beschlossen noch auf eine andere Art und Weise
die negativ electrischen Belegungen zu probiren und auf
solche Contractionen durch Hervorrufung von Funken aus den-
selben zu fahnden. Ich legte nämlich einen präparirten
Frosch auf die obere Belegung eines magischen Quadrates,
auf das die Electricität der Maschine gehörig übergeströmt
war, und entzog der unteren Belegung, während die Maschine
ruhte, wie auch, während sie rotirte, Funken. Wenn die
Maschine ruhte, traten die gewohnten Contractionen der Mus-
keln spärlich, aber in einer immerhin beträchtlichen Anzahl
von Fällen ein, doch nur sogleich nach dem Eintritt der
Ruhe in der Maschine, beim Rotiren aber stets.
Nach diesen Versuchen mit Hjlfe der Electrisirmaschine
wandten wir auch die Electricität des Electrophors beim Ver-
suche an, um keine Funken gebende Art der Electricität
zu übergehen. Deshalb zogen wir von dem Deckel des
Electrophors einen Funken, und es ergab sich die gewöhn-
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Ueber die Kräfte der Electricität bei der Muskelbewegnng. 13
liehe Erscheinung der Muskelcontractionen. Das aber ge-
schah nicht bei ebenso grossen Entfernungen, wie wenn man
aus dem Conductor der Maschine einen Funken entlockte,
sondern nur bei kleinen. Die Contractionen selbst aber fielen
sehr gering aus. Obgleich aber nach so vielen Versuchen
über die Electricität es uns kaum und nicht einmal kaum er-
laubt schien, einen Zweifel über die Ursache der Erscheinung
zu hegen, fiel uns doch, um die Sache besser und besser zu
beweisen, nichts geeigneteres ein, als dem Conductor der
Thiere sehr feine Electrometer zu nähern.
Wir machten daher ein nach Angabe des hochberühm-
ten Volta constrnirtes Electrometer zurecht, dessen Strohhalme
wir, damit sie dadurch zum Versuch geeigneter würden, mit
Stanniol überzogen. Obwohl während dieses Versuches die
Conductoren beim Rotiren der Maschine isolirt waren, stiessen
sich die Strohhalme nicht selten gegenseitig ab , fielen aber
häufig beim Ueberspringen des Funkens zusammen. Wenn
aber die Conductoren frei waren, stiessen die Halme einander
beim Rotiren der Maschine nicht einmal ganz wenig ab, beim
Ueberspringen des Funkens aber zeigten sie kleine Sprünge
und Zuckungen, welche offenbar ein Ausströmen von Electri-
cität aus den Conductoren des Thieres [371] während der
Zeit, in der durch das Hervorspringen des Funkens die Con-
tractionen erregt wurden, anzuzeigen schienen.
Damit nun aber die Frage von allen Zweifeln befreit
werde, haben wir uns bemüht auf verschiedene Weise dem
eleetrischen Fluidum der Maschine den Zutritt sowohl zu
dem Thiere als auch besonders zu dessen Conductoren zu
hindern. Zuerst haben wir das Thier in ein Glasgefäss
geschlossen und dann die Wand, an der die Electrisir-
maschine stand, durchbohrt, und in dieses Loch, welches
durch die ganze Dicke der Mauer verlief, eine Glasröhre ge-
steckt, und mit Kitt die Mündung des Gefässes so an die
durchbohrte Mauer geklebt, dass der Nervencondnctor durch
die eingeschlossene Röhre ging und an der entgegengesetzten
Seite der Mauer in das anstossende Zimmer hinaushing.
Und siehe da, Muskelbewegungen, wenn der Funken aus
dem Conductor der Maschine sprang !
Auch umgekehrt habe ich das Thier und seinen Con-
ductor angebracht, den Conductor nämlich in dem Glase, wo
erst das Thier war, und das Thier da, wo erst der Conductor
heraushing. Sonst habe ich alles andere, wie vorher, mit
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Aloisras Galvani.
denselben Kunstgriffen angeordnet und den Funken entlockt;
und dieselben Bewegungen traten ein.
Obgleich durch diese Art des Experimentirens dem elec-
trischen Fluidum der Maschine jeder Weg verschlossen schien,
habe ich nichtsdestoweniger ein Maschinchen Fig. 6 ausge-
dacht und construirt, das weit einfacher und bequemer war,
als der bisher beschriebene Apparat, und das in verschie-
denen Entfernungen von der Maschine aufgestellt werden
konnte, und in das nicht nur das Thier, sondern auch der
Nerven- wie der Muskelconductor in geeigneter Weise gelegt
und geschlossen werden konnten.
Das Maschinchen ist aber derart: Es ist aus zwei Glas-
gefössen zusammengesetzt, deren eins über das andere ge-
stülpt ist. In dem oberen ist der Nervenconductor, welchen
der Bequemlichkeit wegen kleine bleierne Jagdschrote ersetzen
können. Im unteren ist das Thier mit ähnlichen Schroten,
welche an Stelle des Muskelconductors dienen können, indem
das Thier, wenn es z. B. darin steckt, sie gewissermaassen
mit den Füssen verbunden hat. Das Thier wird in dieser
Lage leicht festgehalten und hat Verbindung mit dem Con-
ductor der oberen Flasche durch einen Eisendraht, der an dem
Rückenmark bängt und durch den Korkstöpsel der Flasche
gebohrt ist, in deren Hohlraum hineinragt und von Blei-
schroten umgeben und bedeckt wird.
Durch einen solchen Stöpsel wird verhütet, dass, wenn
die obere Flasche umgekehrt und auf die andere gesetzt wird,
die Bleischrote aus derselben herausfallen. Damit aber die
Flasche mit der unteren fest verbunden wäre und das elec-
trische Fluidum nicht durch die Ritzen , welche leicht [372]
zwischen den Mündungen der beiden Flaschen bleiben könn-
ten , sich einen Weg bahnte , werden mit einem eigen-
tümlichen Kitt, aus Wachs und Terpentin bestehend, die
Mündungen der Flaschen aufeinander gekittet und fest zu-
sammen geklebt, doch so, dass die Flaschen nach Belieben
und Bedarf getrennt und wieder vereinigt werden könnten.
Wird dieses Maschinchen auf denselben Tisch gestellt,
auf dem die Electrisirmaschino stand , in einer gewissen
Entfernung von dem Conductor der Maschine, so erschienen
beim Ueberspringen des Funkens nicht nur ebensolche, son-
dern heftigere Bewegungen, als wenn das Thier mit seinen
Conductoren in der freien Luft offen da lag, und es wurden
die oben erwähnten Gesetze in den Muskelbewegungen nach
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Ueber die Kräfte der Electricität bei der Muskelbewegung. 15
der angegebenen Proportion gewahrt. Auf diese Versuche
hin würde ich leicht von der ersten Ansicht abgegangen sein,
nach der ich die in dem Conductor der Maschine erregte
Electricität für die Entstehungsursache dieser Muskelbewe-
gungen hielt, auf welchem Wege und auf welche Art sie
auch beim Ueberspringen des Funkens thätig werden mag.
Allein die obigen Versuche und besonders eine gewisse in
mir entstandene Anschauung wiesen mich wieder darauf hin,
dass der Electricität der innern Glasoberfläche, welche in dem
Thier und den Conductoren während des Ueberspringens
des Funkens thätig wird, die Erscheinung am meisten zuzu-
schreiben sei. In dieser Ueberzengung haben mich nun
andere schliesslich angestellte Versuche, vor Allem jedoch
die Beobachtung der Bewegungen des Electrometers, welches
mit in das Maschinchen hineingestellt worden war, völlig
bestärkt. Die ganz leichten Kügelchen und Fäden , aus
denen das Electrometer construirt war, veränderten, wenn
die Maschine gedreht wurde, sogleich ihre Lage und stiessen
einander ab ; wenn aber die Funken übersprangen , kehrten
sie in ihre frühere Lage und zum Contact zurück.
Nach diesen Versuchsanordnungen und Erfahrungen schien
uns nur noch zur grösseren Ausnützung unserer Versuche
übrig zu sein, dieselben auch mit lebenden Thieren anzu-
stellen.
Wir haben das aber nicht an den Schenkelnerven im
Bauche vorgenommen, um die Thiere nicht etwa zu tödten,
sondern an dem anfgeschnittenen Oberschenkel, nachdem der
Nerv von den umliegenden Theilen getrennt, ans den Mus-
keln herausgezogen und mit einem Conductor versehen war.
Die Contractionen traten in dem entsprechenden Schenkel
beim Ueberspringen des Funkens gleichfalls ein, nur geringer
wie es uns schien, als in dem todten Thiere.
Da bei den bisher auseinandergesetzten Versuchen durch
die zwischenliegende Luftschicht das Thier, die Maschine
und ihr Conductor mit einander in Verbindung standen, be-
schloss ich zu versuchen, was [373] geschehen würde, wenn
auch diese Verbindung erst unterbrochen und schliesslich ganz
aufgehoben würde.
Zuerst verfuhr ich so: Ich habe das Maschinchen mit
dem präparirten und mit seinen Conductoren wie in Fig. 6
versehenen Thier unter ein Glasgefäss gesetzt an einem von
der Electrisirmaschine nicht sehr entfernten Platz. Dann
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AloiaiuB Galvani.
zog ich einen Funken. Die Bewegungen traten wie gewöhn-
lich ein.
Dieses Glas habe ich ferner mit dem Maschinchen zu-
sammen unter ein anderes, weit grösseres Glas gesetzt und
dies wieder unter ein anderes noch grösseres. Wiederum
zeigten sich beim Ueberspringen des Funkens ähnliche Be-
wegungen, doch langsamer, je grösser die Zahl der Reci-
pienten und die Dicke der Wände war.
Darnach habe ich die ganze Verbindung durch die Luft
zwischen dem Thier und der Electrisirmaschine beseitigt. Ich
stellte nämlich das Maschinchen, in dem das Thier war,
unter den Recipienten einer Luftpumpe ziemlich weit von
dem Conductor der Maschine entfernt und durchbohrte das
obere Gefäss der Maschine, damit die Luft durch wiederholtes
Absaugen herausgeschafift werden konnte. Nachdem nun die
Luft bald herausgezogen war, bald nicht, zog ich Funken,
und erhielt in beiden Fällen Contractionen, die, wie es schien,
nicht einmal von den vorigen zu unterscheiden waren.
Nachdem wir auf so verschiedene Arten mit der in
dem Funken thätig werdenden Electricität Versuche angestellt
hatten, forschten wir nicht ohne Fleiss und Mühe nach,
ob sie nicht auch in anderen Kraftwirkungen und auf andere
Weise ihre Herrschaft in der Muskelbewegung ausübte. Es
Hessen sich aber zuweilen Muskelcontractionen beobachten,
wenn der Nervenconductor B Fig. 3 dem Conductor der Ma-
schine C Fig. 1 so nahe als möglich gebracht wurde, ferner,
wenn der Deckel des Electrophors von dem Harzkucben ab-
gehoben, oder, wenn dieser Deckel an den erwähnten Con-
ductor sehr nahe heran gebracht wurde , und sobald der
Electrophor von dem Conductor der Maschine sehr weit weg
war, ohne dass jedoch ein Funken übersprang.
Soviel über Thiere, welche Kaltblüter genannt werden.
Nach diesen Proben und Versuchen blieb nichts mehr zu wün-
schen übrig, als dass man ähnliches auch mit Warmblütern
versuchte, wie z. B. an Hühnern und Schafen. Beim An-
stellen des Versuchs trat dasselbe Resultat bei diesen wie bei
jenen ein. Es bedurfte nur einer anderen Präparirung bei
ihnen. Man musste nämlich den Schenkelnerv nicht innerhalb
des Bauches, sondern ausserhalb und zwar am Schenkel zu-
nächst anschneiden, von den übrigen Theilen trennen, bloss-
legen nnd ihm dann den Conductor anheften und schliesslich
den Funken aus dem Conductor der Maschine überspringen
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Ueber die Kräfte der Electricität bef^r ilüskej^ewe^üÄg?>i7
lassen , wenn das Bein mit dem lebenden Thier verbunden
oder, wie früher beim Frosch, von demselben abgeschnitten
war. Andernfalls, nämlich bei der beim Präpariren [374] der
Frösche gewöhnlich angewandten Art, blieb die Erscheinung
völlig aus, da vielleicht den Muskeln die Contractionsfähig-
keit eher verloren ging, ehe ich jene lange und vielfache
Präparirung vollenden konnte.
Es muss aber noch manches Über solche Experimente
bei warm- oder kaltblütigen Thieren im folgenden bemerkt
werden, und zwar eigenthümliches und, wie ich glaube,
nicht überflüssiges, was sich uns manchmal dargeboten hat:
erstens nämlich, dass die präparirten Thiere um so geeig-
neter für die Erscheinungen sind, je vorgerückteren Alters
sie sind, und ebenso je weissere Muskeln sie haben und
je blutleerer sie sind, und dass die Muskelcontractionen
schneller und leichter und viel andauernder in den Kalt-
blütern erzeugt werden als in den Warmblütern. Es haben
nämlich erstem ein durchsichtigeres Blut als letztere, welches
schwerer gerinnt und deshalb weit leichter ans den Muskeln
ausfliesst. Zweitens aber : Die präparirten Thiere, mit denen
die Electricitätsversuche angestellt worden sind, verderben
weit schneller und werden eher riechend, als solche, welche
der Wirkung der Electricität nicht ansgesetzt waren. Schliess-
lich glückten die bisher erwähnten Phänomene nur , wenn
die Thiere in der erwähnten Art zum Experiment präparirt
waren, sonst blieben sie aus. Wenn nämlich die Conductoren
nicht an das zerschnittene Rückenmark oder an die Nerven,
wie gewöhnlich, sondern an das Gehirn oder an die Muskeln
angelegt oder angeheftet waren, oder wenn die Nervencon-
ductoren bis zu den Muskeln weiter geführt wurden, oder
wenn die Nerven von den umliegenden Tbeilen zu wenig ent-
blösst wurden, gab es entweder keine oder nur geringe Con-
tractionen. Wohl das meiste, was wir bei diesen Versuchen
an Resultaten erhielten, haben wir der Geschicklichkeit, die
Nerven zu präpariren und blosszulegen, zu verdanken.
Oetwald's Klassiker. 62.
2
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Aloisius Galvani.
Zweiter Theil.
Die Kräfte der atmosphärischen Electricität
in der Muskelbewegung.
Nach der Entdeckung der Kräfte der künstlich erregten
Electricität in den Muskelcontractionen , Uber die wir uns
bisher verbreitet haben, schien uns nichts wichtiger als zu
erörtern, ob die sogenannte atmosphärische Electricität die-
selben Erscheinungen ergeben würde oder nicht, ob nämlich
bei Anwendung derselben Kunstgriffe die Blitze so, wie das
Ueberspringen der Funken, auch Muskelcontractionen erregen
würden.
[375] Wir haben daher einen langen, passenden Con-
ductor, und zwar einen Eisendraht, in freier Luft an einem
höher gelegenen Orte des Hauses ausgespannt und isolirt,
Fig. 7 Taf. II, und an ihn, als ein Gewitter am Himmel
anfgezogen war, präparirte Frösche oder präparirte Schenkel
von Warmblütern mit ihren Nerven aufgehängt, wie in Fig. 20
und 2 1 Taf. IV. Auch an ihre Füsse haben wir einen anderen
Conductor, nämlich einen anderen Eisendraht geheftet und
zwar einen sehr langen, um ihn bis in das Wasser des in
der Figur verzeichneten Brunnens tauchen zu lassen. Die
Sache verlief ganz nach Wunsch, wie bei der künstlichen
Electricität: So oft nämlich Blitze hervorbrachen, geriethen
sämmtliche Muskeln in demselben Moment in wiederholte hef-
tige Zuckungen , so dass immer , wie der Schein der Blitze
und das Aufleuchten , auch die Muskelbewegungen und Con-
tractionen den Donnerschlägen vorangingen und diese gleich-
sam ankündigten. Ja sogar so gross war die Uebereinstim-
mung der Erscheinungen, dass die Contractionen eintraten,
auch wenn der Muskelconductor nicht angebracht und der
Nervenconductor gar nicht isolirt war. Es liess sich sogar
wider Erwarten und Voraussicht dasselbe beobachten, wenn
der Conductor auch an niedrigeren Orten angebracht war,
Fig. 8 Taf. H. Am besten glückte es aber, wenn die Blitze
gross waren oder aus Wolken, welche dem Orte der Versuche
näher waren, hervorbrachen, oder wenn einer den Eisendraht F
mit der Hand hielt, wenn gerade die Blitze aufleuchteten.
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20
Aloiaius Galvani.
Der Versuch gelang, wenn das Thier in der freien
Luft lag oder, wenn es der Bequemlichkeit wegen in ein
passendes Gefäss eingeschlossen, wie in Fig. 7, oder im
Zimmer behalten wurde. Sie trat auch ein, wenn der Ner-
venconductor etwas von den Nerven abstand , am besten bei
heftigeren oder näheren Blitzen, gerade so, wie solches bei
der künstlichen Electricität bei stärkeren oder in grösserer
Nähe des Thieres hervorgerufenen Funken geschah. Schliess-
lich kam noch das bemerkenswerthe hinzu, dass sich die ganze
Sache nicht nur, wie bei den Funken, auch bei den Blitzen
mit einer Muskelcontraction erledigte, sondern dass mehrere
unmittelbar hintereinander erfolgten, deren Zahl gewisser-
massen der Zahl der Schläge, welche der Donner gewöhnlich
gab, zu entsprechen schien.
Nun treten aber solche Contractionen nicht nur mit den
Blitzen auf, sondern auch bei drohendem Himmel und, wenn
die Wolken nahe bei den hochgehobenen Conductoren vorüber
zogen, entstanden sie unfehlbar von selbst, und, wenn solches
eingetreten war, zeigten auch nicht sehr empfindliche Electro-
meter [376] Electricität an und nicht selten konnten Funken
von den in die Höhe gestreckten Conductoren gezogen werden.
Das verhielt sich anders wenn die Contractionen durch Blitz-
schläge* eintraten ; dann bekamen wir meist keine Funken
und selbst feinere Electrometer zeigten fast keine Spur von
Electricität an.
Derartige Versuche wurden aber nicht nur an todten,
sondern auch an lebenden Thieren vorgenommen und in bei-
den Fällen trat die Erscheinung ein und nichts ist unter-
lassen worden, was wir bei der künstlichen Electricität ver-
sucht haben; aber alles verlief genau auf dieselbe Weise.
Ein Unterschied allerdings schien beim ersten Blick nicht
bedeutungslos zn sein, dass die präparirten Frösche, welche
mit einem passenden Conductor in das gläserne Maschinchen
Fig. 6 Taf. 1 geschlossen wurden, durch einen Zwischen-
raum von dem Conductor der Electrisirmaschine getrennt,
beim Ueberspringen des Funkens sich, wie erwähnt, sicher
heftig bewegten, beim Hervorbrechen des Blitzes aber gänz-
lich ruhten, weil die Electricität, wenn überhaupt welche von
der electrischen Wolke durch den Conductor auf das Ma-
schinchen übertragen wurde, allzu gering war und einen allzn
geringen Theil der äusseren Oberfläche umspannte, sodass sie
dann nicht hinreichte, die Contractionen hervorzurufen, oder,
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Ueber die Kräfte der Electricität bei der Muskelbewegung. 2 1
weil vielleicht gar keine auf das Maschinchen übertragen
wurde; ebenso blieben die Contractionen sicher ans demselben
Grunde beim Ueberspringen des Funkens aus, wenn das Ma-
schinchen nicht nahe bei der Electrisirmaschine, sondern nahe
bei jenem Ende des Conductors EE Fig. 3 Taf. I aufgestellt
war, weiches weit von der Maschine entfernt ist.
Es erschien also nach sorgfältiger Prüfung die Wirkungs-
art der künstlich erregten und der atmosphärischen Electricität
ähnlich. Vielleicht ist es, um die Contractionen in dem gläser-
nen Maschinchen zu erhalten, nöthig, dass die electrische
Atmosphäre ganz oder zum grossen Theil dieses Maschinchen
umgiebt, was bei der so weit entfernten Aufstellung des Ma-
schinchens in dem Versuch bei weitem nicht der Fall zu sein
scheint.
Aber nicht nur für den experimentellen Theil der Er-
scheinung, sondern auch für die zur Prüfung herangezogenen
Gesetze haben wir bestätigt gefunden, dass sie in ganz ähn-
licher Weise bei der atmosphärischen Electricität wie bei der
künstlich erregten gelten.
Nachdem wir die Wirkung der sogenannten Gewitter-
electricität und der Blitze erforscht hatten, kam es uns in
den Sinn zu versuchen, was ein im Sommer Abends auf-
tretendes Wetterleuchten bei derartig präparirten Thieren
ergeben würde. Wir haben daher ebendieselben Thiere
an unseren Conductor geheftet nicht nur [377] wenn es
blitzte, sondern auch beim Wetterleuchten des Himmels. Es
sind aber da niemals Contractionen eingetreten, vielleicht,
weil ein derartiges Wetterleuchten von der Electricität nicht
abhängt, oder, wenn es damit zusammenhängt, es sehr fern
ist oder auf eine andere Art wirkt, als bei Blitzen. Aber
darnach würden vor allem die Physiker zu forschen haben.
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Aloisius Galvani.
Dritter Theil.
Die Kräfte der thierischen Electricität
in der Muskelbewegnng.')
Nachdem wir die Kräfte der atmosphärischen Gewitterelec-
tricität untersucht hatten, brannte unser Herz vor Begierdo, auch
die Macht der täglichen ruhigen Electricität zu untersuchen.
Deshalb , als ich zuweilen bemerkt hatte, wie die prä-
parirten Frösche, welche an dem Eisengitter, welches einen
hängenden Garten unseres Hauses umgab, auch mit Messing-
haken im Rückenmark versehen aufgehängt waren, in die ge-
wöhnlichen Zuckungen verfielen, nicht nur beim Blitzen, son-
dern auch bei ruhigem und heiterem Himmel, meinte ich die
Entstehung dieser Contractionen sei von den Veränderungen,
welche unterdessen in der atmosphärischen Electricität vor
sich gehen, herzuleiten. Daher habe ich nicht ohne Hoff-
nung begonnen, die Wirkungen dieser Veränderungen in
diesen Muskelbewegungen sorgfältig zu erforschen und auf
die eine und die andere Art darüber Experimente anzustellen.
Deshalb beobachtete ich zu verschiedenen Stunden und zwar
viele Tage lang dazu passend hergerichtete Thiere, aber kaum
jemals trat eine Bewegung in den Muskeln ein. Schliesslich
durch das vergebliche Warten ermüdet, habe ich angefangen,
die ehernen Haken, welche in das Rückenmark geheftet waren,
gegen das eiserne Gitter zu quetschen und zu drücken, um
zu sehen, ob durch einen solchen Kunstgriff die Contractionen
der Muskeln erregt würden, und ob anstatt einer Veränderung
im Zustande der Atmosphäre und Electricität irgendwie sonst
eine Veränderung und Wandlung von Einfluss wäre. Ich
beobachtete zwar ziemlich häufig Contractionon, aber keine,
welche von dem verschiedenen Zustande der Atmosphäre und
der Electricität abhing.
Als ich diese Contractionen nur in der freien Luft be-
obachtet hatte, denn an anderen Orten waren noch keine
Versuche angestellt worden, so fehlte nicht viel, und ich
hätte der atmosphärischen Electricität, welche in das Thier
kriecht und sich daselbst anhäuft und bei der Berührung des
Hakens mit dem Eisengitter plötzlich entweicht, solche Con-
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Ueber die Kräfte der Eleetricität bei der Muskelbewegung. 23
■
tractionen [378] zugesproehen. Denn es ist leicht, sich beim
Experimentiren zu täuschen und zu meinen, das gesehen und
gefunden zu haben, was wir zu sehen und zu finden wünschen.
Als ich aber das Thier in das geschlossene Zimmer über-
geführt, auf eine Eisenplatte gelegt und angefangen hatte,
gegen letztere den in das Rückenmark gehefteten Haken zu
drücken, siehe da, dieselben Contractionen, dieselben Be-
wegungen! Dasselbe habe ich wiederholt unter Anwendung
von anderen Metallen, an anderen Orten und zu anderen Stun-
den und anderen Tagen erprobt ; und dasselbe Ergebniss,
nur dass die Contractionen bei der Verschiedenheit der
Metalle verschieden waren, bei den einen nämlich heftiger,
bei den anderen langsamer. Schliesslich kam uns in den Sinn,
auch andere Körper, welche aber wenig oder gar keine
Eleetricität leiteten, nämlich aus Glas, Gummi, Harz, Stein
oder Holz bestehende und zwar trocken zu dem Experiment
zu verwenden, nichts ähnliches trat ein, es Hessen sich keine
Muskelcontractionen und Bewegungen erblicken. Natürlich
erregte ein derartiges Resultat bei uns nicht geringe Ver-
wunderung und Hess die Vermuthung in uns aufsteigen, dass
demThiere selbst Eleetricität inwohne. Wir wurden in beiderlei
Hinsicht bestärkt durch Annahme eines sehr feinen Nerven-
fluidums, das während der Erscheinung von den Nerven zu
den Muskeln fliesse, ähnlich dem electrischen Strome in der
Leydener Flasche. 2 )
Denn während ich selbst mit der einen Hand den präpa-
rirten Frosch an den in das Rückenmark gehefteten Haken
hielt und zwar so , dass er mit den Füssen auf einer silber-
nen Kapsel stand, dabei aber mit der anderen Hand an den
Deckel der Kapsel, auf der der Frosch mit den Füssen ruhte,
oder an ihren Rand mit irgend einem Metallstück stiess, sah
ich wider Erwarten den Frosch in starke Zuckungen verfallen
und zwar jedesmal, sobald ich diesen Kunstgriff anwendete.
Nach dieser Erfahrung bat ich Herrn Rialpus, einen sehr
gelehrten Spanier, ein ehemaliges Mitglied der Gesellschaft
Jesu, der damals mit mir auf der Villa des vortrefflichen und
hochangesehenen Jakob Zambeccari die Landluft genoss,
ich bat ihn, sage ich, dass er selbst, wie er stets gefällig
bei anderen Experimenten war, so auch hier seine Dienste und
seine hilfreiche Hand lieh und den Frosch hielte, gerade so,
wie ich es vorhin selber gethan hatte, während ich wiederum
die Kapsel berührte. Ich wünschte solches, sowohl um der
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24
Aloisius Galvani.
Bequemlichkeit wegen wie auch um die Versuchaanordnung
ein wenig zu ändern. Aber wider Erwarten blieben die Con-
tractionen aus. Ich stellte sodann das Experiment wieder
wie früher und allein an. Sogleich traten sie wieder ein.
Dies regte mich sehr an, selbst mit einer Hand das Thier,
wie [379] früher, zu halten, mit der anderen aber des Rialpus
eine Hand und ihn zu bitten, mit seiner anderen Hand die
Kapsel anzurühren oder zu stossen, damit dadurch gleich-
sam eine Art electrischer Kette hergestellt würde. Sogleich
trat die Erscheinung der Contractionen ebenso wieder ein,
nicht ohne unsere Freude und Verwunderung. Sie blieb je-
doch wieder aus, wenn wir unsere Hände trennten, erschien
wieder, wenn wir die Hände wieder vereinigten ; obgleich
dies genügen zu können schien, gleichsam einen electrischen
Strom des Nervenfluidums durch die Kette der Menschen zu
beweisen, haben wir nichtsdestoweniger, um die bedeutsame
Angelegenheit, welche eine solche Neuigkeit in sich barg,
mehr und mehr sicher zu stellen, uns entschlossen, Kialpus
und ich, nicht nur durch Ineinanderlegen der Hände, sondern
auch durch Dazwischenhalten bald eines nichtleitenden Kör-
pers, nämlich eines Glasstabes, bald eines leitenden Körpers,
nämlich eines Metallstabes, die Kette zu bilden. Bei dem
Versuche aber sahen wir bei Anwendung des Metallstabes zu
unserer grössten Freude die Erscheinung eintreten, bei An-
wendung des gläsernen aber gänzlich aufhören und die
Kapsel vergeblich mit dem leitenden Körper berührt oder mit
derben Schlägen erschüttert werden , sodass wir deshalb
glaubten festgestellt zu haben, dass die Electricität derartige
Contractionen errege, auf welche Weise solches auch zu
Stande kommen möge.
Um aber die Sache besser klar zu legen, habe ich mit
dem grössten Erfolge den Frosch auf eine nicht leitende Platte,
nämlich aus Glas oder Harz, gelegt und bald einen leitenden
bald einen ganz oder nur zum Theil nicht leitenden Bogen
angewendet und mit dessen einem Ende den in das Rücken-
mark gehefteten Haken und mit dem anderen entweder die
Schenkelmuskeln oder die Füsse berührt. Bei dem Versuche
sahen wir bei der Anwendung des leitenden Bogens Fig. 9,
Taf. III Contractionen eintreten, dann aber bei der Anwendung
des theils nicht leitenden Bogens wie in Fig. 10 ausblei-
ben. Der leitende Bogen bestand aus einem Eisendraht, der
Haken aber aus einem Messingdraht. Nach diesen ferneren
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Uebcr die Kräfte der Electricität bei der Muskelbewegung. 25
Taf. III. l'ig. 9-16,
26
Aloi8ius Galvani.
Entdeckungen schien es uns, dass die Contractionen, welche,
wie gesagt, bei den auf eine Metallplatte gelegten Fröschen
auftraten, wenn der Haken des Rückenmarks gegen die Platte
gedrückt wurde, von einem ähnlichen Bogen stammen müssen,
an dessen Steile gewissermaassen die Metallplatte fungirte,
und daher geschehe es, dass jene nicht in Fröschen, die
auf einer nicht leitenden Platte lagen, erregt wurden, auch
nnter Anwendung sonst ganz derselben Kunstgriffe.
Diese unsere Meinung hat eine nicht unwillkommene, zu-
fällig beobachtete Erscheinung deutlich, wenn ich etwas Ur-
theil habe, befestigt. Wenn nämlich der Frosch an einem
Beine hängend mit den Fingern gehalten wird, sodass der in
das Rückenmark [380] geheftete Haken eine Silberplatte be-
rührt, das andere Bein aber frei auf der Platte gleiten kann,
Fig. 1 1 , Taf. IH, so werden, sowie dies Bein die Platte berührt,
die Muskeln wiederholt zusammengezogon, wodurch sich das
Bein hebt, bald aber, von selbst erschlafft und wieder auf
die Platte zurückgesunken, gleich wieder zur Berührung mit
derselben kommt und deshalb wieder hochgehoben wird, und
kurz sich so zu heben und zu senken fortfährt, dass es ge-
wissermaassen einem electrischen Pendel zu gleichen scheint,
zur grössten Verwunderung und Freude des Beobachters.
Es ist natürlich nicht schwer einzusehen, wie bequem
und leicht das Phänomen mit der Platte wiederholt werden
kann, welche gewissermaassen als Bogen diente, der für den
oben erwähnten Kreislauf hergestellt ist, wenn das Bein auf
diese Platte niederfällt, für diesen Kreislauf aber nicht mehr
vorhanden ist, wenn das Bein sich von ihr entfernt hat. Dies
sind weder zweifelhafte noch dunkle Beweise darüber, dass
die Metallplatte an Stelle des Bogens dient.
Man kann aber kaum sagen, worin die Kraft und Fähig-
keit einer solchen Platte zur Erregung derartiger Muskel-
contractionen besteht. Wir meinen die Kraft, durch welche
die bedeutenden und häufigen Contractionen entstehen, welche
auch zuweilen einige Zeit bestehen bleiben, nicht nur wenn
der in das Rückenmark geheftete Haken gegen die Platte ge-
drückt oder auf derselben gerieben wurde , sondern auch
wenn der Haken die Platte nur berührte und wenn, nachdem
er sie berührt hatte, an seinem Contact mit der Platte etwas
geändert wurde, wie wenn man die Platte, auf der das Thier
liegt, oder die Körper, auf welchen die Platte liegt, leicht
erschüttert.
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Ueber die Kräfte der Electricität bei der Muskelbewegung. 27
Bevor sich aber von dem Gebranch des Bogens nnd
seinen Kräften unser Vortrag ab wendet, wollen wir nicht
unterlassen seine Bedeutung und, wenn ich so sagen soll, seine
Nothwendigkeit für solche Muskelcontractionen so deutlich als
möglich klarzulegen. Dieselben treten nämlich deutlicher
und schneller nicht nur mit einem, sondern auch mit zwei
Bogen ein, wenn sie so angewendet und angeordnet werden,
dass das eine Ende des einen Bogens die Muskeln, das eine
Ende des anderen Bogens in gleicher Weise die Nerven be-
rührt, die beiden anderen Enden aber mit einander Contact
haben oder, wenn nöthig, aneinander gerieben werden, Fig. 12.
Hierbei ist es merkwürdig, dass die solche Contractionen be-
wirkende Electricität weder durch die Berührung der Hände
mit beiden Bögen, noch durch die wiederholten Berührungen
der Bögen mit den Körpertheilen des Thieres ausfliesst und
sich zerstreut.
[381] Ausserdem aber glückte es uns, dies eigenthiim-
liche und bemerkenswerthe Phänomen zu beobachten, dass
nämlich die Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit der Sub-
stanz des Metalls zur Erregung wie auch besonders zur Ver-
mehrung der Muskelcontractionen viel beiträgt und zwar bei
weitem mehr als bei Anwendung ein und derselben Metall-
substanz. So z. B. wenn der ganze Bogen eisern war
oder der Haken eisern und ebenso die leitende Platte, blei-
ben nur allzu oft die Contractionen aus oder waren ganz
gering. Wenn aber z. B. das eine von ihnen eisern war,
das andere aber aus Messing, noch besser, wenn es aus
Silber war (Silber nämlich schien uns vor allen übrigen Me-
tallen zum Leiten der thierischen Electricität 3 ) geeignet zu
sein), traten wiederholt weit grössere nnd andauernde Con-
tractionen ein. Ebenso ging es bei ein und derselben Be-
ilegung der nicht leitenden Platte. Wenn an zwei von
einander getrennten Punkten auf gleiche Weise Folien von
verschiedenen Metallen aufgetragen waren, wie z. B., wenn
man auf einer Stelle Zinnfolie anwendete, auf der andern
Messingfolie, so fallen die Contractionen meist weit grösser
aus , als wie bei ein und derselben Metallfolie , auch wenn
beide Stellen mit Silber überzogen oder, wie man sagt, be-
legt waren.
Aus der Entdeckung eines Kreislaufs eines derartigen
Nervenfluidums , gewissem aassen eines electrischen Feuers,
schien uns naturgemäas zu folgen, dass eine zwiefache und
^ The
jniversitY,
28
Aloisius Galvaoi.
zwar verschiedenartige oder besser entgegengesetzte Electri-
cität die Erscheinung hervorruft, wie es eine zwiefache Electri-
cität in der Leydener Flasche und im magischen Quadrat ist,
durch welche das electrische Fluidum in ihnen gleichsam sei-
nen Kreislauf bewerkstelligt. Es kann nämlich, wie die Phy-
siker bewiesen haben, ein Strömen und ein Kreislauf der
Electricität nicht stattfinden, ausser bei der Wiederherstellung
des Gleichgewichtes und zwar nur oder meist zwischen ver-
schiedenen Electrici täten. Dass aber jene in ein und der-
selben Metallplatte verborgen seien, schien der Natur gänz-
lich zuwiderlaufend und auch den Beobachtungen wider-
sprechend. Es blieb daher nur übrig, dass sie beide in dem
Thier sassen. Um aber dem Verdacht zu entgehen, ich
könnte beim Experimentiren den Thieren etwas Electricität
mitgetheilt haben, habe ich den Messingbogen mit Blattsilber
umhüllt und an einen Glasstab gesteckt, den ich in den Hän-
den hielt, während ich mit dem Bogen selbst die Thiere be-
rührte. Bei Anwendung dieser Vorsichtsmaassregel traten
nichtsdestoweniger die Contractionen ein.
Nach diesen Versuchen in der freien Luft durchzuckte
mich der Gedanke, was mit der Electricität dos Thieres 4 ) wohl
passiren würde, wenn ich das ganze Thier unter Wasser
tauchte. Das geschah und wenn, wie gewöhnlich, das Thier
mit den Enden des Bogens [382] berührt wurde, mit dem
einen nämlich an dem in das Rückenmark gehefteten Eisen-
haken, mit dem anderen an den Füssen, so gingen die Con-
tractionen vor sich wie in freier Luft.
Bei diesem Experimente muss besonders hervorgehoben
werden, dass, wenn ich mit eben diesem Bogen oder mit
irgend einem anderen leitenden Körper nur den Haken in dem
Rückenmark des Thieres , welches unter Wasser verborgen
war, berührt hatte , wiederholt Contractionen entstanden ; ich
schrieb solches natürlich dem Wasser zu, welches die Stelle
des Bogens vertrat. Nunmehr tauchte ich das Thier nicht,
wie vorher, unter Wasser, sondern unter Oel, um zu sehen,
ob die Contractionen unter Oel wie unter Wasser eintreten,
oder ob sie gänzlich ausbleiben würden. Ich habe als-
dann ebenso wie früher den Haken am Rückenmark berührt.
Die Contractionen blieben gänzlich aus, da es nämlich dem
Oel nicht möglich ist den leitenden Bogen zu ersetzen,
was mich natürlich in der gefassten Meinung nicht wenig
bestärkte.
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Ueber die Kräfte der Electricität bei der Muskelbewegung. 29
Nach diesen Versuchen und Beobachtungen glaubte ich
mich ohne Zaudern darüber machen zu können, jene zwiefache
und entgegengesetzte Electricität in dem präparirten Thier zu
finden und zu erforschen, ob die eine in dem Muskel, die
andere in dem Nerven oder beide in einem von beiden ihren
Sitz hätten, wie es die Physiker bei dem Mineral Turmalin
versichern. Deshalb habe ich mit allem Eifer einen solchen
Sitz zu erforschen und zu erspähen gesucht und zuerst, was
für eine Electricität die Nerven zeigten. Ich habe das
vom Rumpfe getrennte Rückenmark der Frösche, welche ich
so frisch getödtet als möglich zum Experiment zubereitet
hatte, bald mit einem Glasstab bald mit einer Siegellackstange
berührt. Es traten aber niemals bei der ersten Anordnung *
die Muskelbewegungen ein, wohl aber sobald die letztere an-
gewendet wurde, sogar meist auf vier oder mehr Linien
Distanz, wenn nur das sogenannte Vertebralrohr mit Stanniol
belegt war. An Stelle des Glasstabes habe ich auch öfters
die Scheibe der Electrisirmaschine mit immer rascheren Um-
drehungen verwendet, um zu erfahren, ob der grosse Vorrath
an Electricität, welcher in der Scheibe angesammelt war, die
Muskelcontractionen erregen würde, welche der Stab nicht her-
vorrufen konnte. Aber das Resultat war dasselbe. Nicht die
geringsten Muskelbewegungen traten ein. 5 )
Daher wird die Electricität in den Nerven nach den
Experimenten positiv sein, da die Physiker beweisen, dass
nur zwischen entgegengesetzten Electricitäten gewisse Wir-
kungen und Bewegungen eintreten können.
Dann wandten wir uns zur Erforschung der Electricität
der Muskeln. [3831 Wir haben dieselben Versuche mit diesen
und jenen vorgenommen und weder bei Anwendung der posi-
tiven wie der negativen Electricität Hessen sich Bewegungen
in den Muskeln beobachten.
Wir sind daher wieder zu der unseren Experimenten
willfahrenden Nervenelectricität zurückgekommen und haben
zum Experimentiren mit ihr Siegellack verwendet, unter den-
selben Kunstgriffen, die wir anwendeten, als wir durch Her-
vorrufung von Funken mit jener experimentirten. Fast
dieselben Erscheinungen der Contractionen treten auf, nur
dass jene weit geringer waren, die mit Siegellack erhalten
wurden, als die bei den Funken, natürlich entsprechend der
Kraft der Electricität. Der Nutzen der Conductoren war
auch derselbe, und die Gesetzmässigkeit war dieselbe, und
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Aloisius Galvani.
die Muskelbewegung verlief offenbar nach derselben Pro-
portion .
Da aber nichts geeigneter zur Entdeckung einer so ge-
heimnissvollen und schwierigen Sache, wie des Sitzes der
beiden Electricitäten , zu sein schien, als die Electricität zu
vermehren und anzuspannen, habe ich begonnen über die
Methode dies zu erreichen eifrig nachzudenken; und unter
Führung der Analogie bot sich mir zuerst die Methode dar:
die Nerven, in denen die Electricität, deren Natur wir er-
forscht haben, aufzutreten schien, in eine Metallfolie am besten
aus Zinn zu hüllen , ebenso wie die Physiker bei ihrem
magischen Quadrat und der Leydener Flasche zu thun pflegen.
Fig. 9, Taf. III.
Durch einen solchen Kunstgriff erstarkten merkwürdiger
Weise die Contractionen so sehr, dass sie auch ohne Bogen,
durch einen einzigen Contact eines Körpers von beliebiger
Beschaffenheit, leitend oder nicht leitend, mit dem belegten
Nerven, eintraten, wenn nur die Thiere frisch präparirt waren
und noch Kräfte hatten, ferner dass die Bedeutung und der
Nutzen des Bogens und der anderen Kunstgriffe sich als weit
grösser erwies und die Contractionen schliesslich sehr heftig
und andauernd wurden und deutlich fortdauerten bei vor der
Section munteren Thieren, auch nach Entfernung des Bogens
oder eines anderen Körpers, mit dem die belegten Nerven be-
rührt wurden.
Noch mehr : Die Wirkung und Leistung dieses Kunstgriffes
zur Vermehrung der Kraft solcher Electricität war so gross,
dass der Kreislauf, welcher sonst kaum und nicht einmal
kaum bei Anwendung des Hakens und des Bogens erschien,
so glücklich und rasch sich zeigte, dass er nicht nur durch
zwei , sondern sogar zuweilen durch drei und mehr Men-
schen, welche gleichsam eine electrische Kette bildeten, in den
Fröschen ausgelöst wurde und so die gewohnten Muskelcon-
tractionen erregte, zumal bei heisser [384] Witterung, älteren
Thieren, weissen Muskeln und bei einem am Himmel drohen-
den Gewitter. Wenn aber bei den präparirten Thieren das
entblösste Gehirn oder das Rückenmark mit dieser Metallfolie
zum Theil bedeckt wurde , so fingen die Contractionen bei
der üblichen Anwendung des Bogens heftig und rasch auf-
zutreten an, während ich sie doch ohne einen solchen Kunst-
griff mit dem Bogen oder auf jede andere Weise zu erregen
vorher vergeblich mich bemüht hatte. 6 )
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Ueber die Kräfte der Electricität bei der Muskelbewegung. 31
Nachdem ich so viel über die Kraft der bei den Ner-
ven angewendeten Zinnfolie zur Vermehrung der Electrici-
tät erfahren hatte , beschloss ich auch zu versuchen , was
eben diese Folie bei den Muskeln vermöchte. Aber die Con-
tractionen schienen dadurch keine bedeutende Steigerung zu
erfahren, — jedoch nicht zu vergessen, dass wir nach wieder-
holten Versuchen schliesslich bemerkten, dass ein beträcht-
licher Zuwachs der Contractionen eintrat , wenn nur die
Muskeln, am meisten aber, wenn die Nerven oder das Rücken-
mark oder das Gehirn berührt wurden, kaum aber einer, wenn
sowohl diese Theile wie auch die Muskeln zugleich mit der-
selben Zinnfolie belegt und die belegten Stellen durch den
Bogen verbunden wurden.
Ferner wurden die Contractionen, nicht nur durch die
über das biosgelegte Rückenmark gezogene Metallfolie erhöht,
sondern auch, wenn es, von der Wirbelsäule bedeckt, mit eben-
solcher Belegung sowohl aussen auf dem Rücken an seinen bis
dahin reichenden Muskeln, als auch im Bauch, und ganz beson-
ders an der Stelle, an der die Nerven sich abzweigen, mit solcher
Metallfolie versehen wurde. Und nichts machte es aus, ob
man mit einem grossen oder kleinen Stück Folie diese Theile
und ganz besonders die Nerven bedeckt hatte, es genügte
nämlich, wenn man es irgendwo that und diese Stelle mit
dem einen Ende des Bogens berührte , mit dem andern aber
die Muskeln. An Stelle der Metallfolie wendeten wir mit
dem gleichen Nutzen electrisches Amalgam an , indem wir
den Nerv entweder mit feinem Pulver bestreuten oder an
den Nerv eine aus dem Pulver mit Oel angemachte Pastille
klebten. Wenn wir nun ein anderes Metallpulver, wie z. B.
Eisen oder Bronze auf dieselbe Weise verwendeten, trat kaum
ein Zuwachs der Muskelbewegungen ein.
Nach Auffindung einer Methode, durch welche die
Electricität so viel Zuwachs erfuhr, haben wir dann muthiger
und zuversichtlicher noch ihren Sitz erforscht. Wir haben
daher, indem wir mit derselben Folie bald den Nerven bald
den Muskel bedeckten, zuerst den Muskel mit dem entsprechen-
den Nerven von dem Thier getrennt und auf eine nicht
leitende Platte gelegt und ihn mit dem Bogen wie immer
berührt. Dasselbe thaten wir mit dem unverletzten und mit
dem abgeschnittenen Muskel. Seinen einen Theil nämlich
haben wir mit einer Metallfolie umhüllt, dann haben wir mit
dem belegten Ende des Bogens die belegte Stelle des Muskels
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Aloisius Galvani.
berührt, mit dem anderen den blossen Muskel. [385] Aber
kaum und nicht einmal kaum war es uns vergönnt mit diesem
Versuche zu erreichen, was wir suchten.
Das nur haben wir bemerkt, dass in dem sammt dem
Nerven vom Thier getrennten Muskel weit geringere Contrac-
tionen auftraten, als wenn der letztere in dem Thier an seinem
natürlichen Platze gesessen hätte, dass die Contractionen in dem
unversehrten Muskel geringer und unbedeutender als sonst, und
fast gar nicht eintraten, aber doch wenigstens ab und zu und
einigermaassen stark, wenn mit dem einen Ende des Bogens eine
belegte Stelle des Muskels, mit dem anderen eine angrenzende
unbelegte Stelle der Oberfläche desselben Muskels berührt wurde.
Anders aber kamen bei dem Versuche keine Contractionen zu
Stande. Ebenso ging es auch, nur bei weitem schwieriger in
der inneren Muskelsubstanz. Weit leichter und rascher aber
entstanden die Contractionen , wenn der Bogen bei der Be-
legung ebenso angewendet , sogar wenn statt des Bogens
auch nur ein Endchen eines leitenden Körpers verwendet
wurde und damit theils der Streifen Metallfolie, theils der
blosse Nerv berührt ward.
Dies haben wir versucht, um den Sitz der Electricität
des Thieres zu erforschen, woraus klar wird, dass man die
Sache, die man nicht genügend mit Experimenten aufklären
konnte, meist den Vermuthungen überlassen muss. Wir kom-
men später hierauf zurück.
Wir werden jetzt manches weiter verfolgen, was sich uns
bei unseren sorgfältigen Forschungen Bemerkenswerthes über
solche Electricität dargeboten hat. Zunächst die Thataache,
dass der Strom, durch die gewöhnliche Electricität angeregt,
wie wir erwähnten , bei einer Distanz von einer ziemlich
grossen Anzahl von Linien auftritt, aber für sich allein nicht
einmal bei der geringsten Entfernung ; e3 wird sogar immer
der Contact erfordert, um eine Wirkung zu erzielen. Uebrigens
sahen wir die Contractionen sicherer , rascher und stärker
eintreten, wenn das Ende des Bogens nur den äussersten
Rand des die Nerven oder die Muskel bedeckenden Metall-
streifens berührte, ebenso stärker, wenn der Bogen das Ende
des Hakens, als wenn er seine übrigen Theile berührte.
Somit scheint die thierische Electricität der gewöhnlichen und
vulgairen, deren eigenthümlicbes Bestreben es ist, die Winkel
und Spitzen aufzusuchen und auszuwählen , sehr ähnlich
zu sein. 7 )
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Ueber die Kräfte der Electricität bei der Muskelbewegung. 33
Diese, wie ich meine, so klaren und deutlichen Anzeigen
einer Electricität in den Nevven und Muskeln haben uns Muth
eingeflösst, das eine und das andere noch eingehender zu er-
forschen. Daher habe ich zunächst, anstatt mit der schon
erwähnten Metallfolie, mit nicht leitender Materie die Nerven
und Muskeln an einem Theil bedeckt, nämlich mit Seiden-
zeug, das mit Oel, in dem Pech aufgelöst war, [386] gänz-
lich getränkt war, um zu sehen, ob die Contractionen bei
der Anwendung des Bogens wohl ausblieben oder nicht. Sie
blieben schlechterdings gänzlich aus. Man musste in der
That Seidengewebe anwenden und auf die genannte Weise
dasselbe präpariren, um die Contractionen zu hindern; denn
Seide allein genügte nicht, weil sie sich ja leicht mit leitender
Thierlymphe tränken und befeuchten würde , und auch Oel
allein nicht, da ja der Bogen dann mit seinem Ende die
Stelle so treffen würde, dass er ganz zum völligen Contact
mit dem unter ihm liegenden Theile käme.
Ferner prüften wir, ob solche Electricität auch darin der
gewöhnlichen Electricität folgte, dass sie sich durch gewisse
leitende Körper leichter, durch andere schwerer einen Weg
bahnte. Wir sahen aber, dass sie ihr fast regelrecht folgte
und dass zunächst die eine und die andere leichter durch
Metalle, als durch Holz ihren Weg fand, unter den Metallen
bei weitem am leichtesten durch Gold und Silber, schlechter
durch Blei und Eisen, am besten, wenn es verrostet war, so
dass, wenn der Bogen oder die Platten, welche an Stelle
des Bogens dienten, aus Metallen zusammengelöthet waren,
und vor allem wenn sie mit Silber , das am besten leitet,
oder mit sehr dünner Folie davon bedeckt wurden, die Er-
scheinungen der Contractionen weit deutlicher und rascher
auftraten, als wenn dieselben beispielsweise aus Blei oder
Eisen hergestellt waren. Nach der Untersuchung der Leit-r
fähigkeit fester Körper haben wir dieselben Versuche auch
mit flüssigen Leitern angestellt; und die Sache verhielt sich
fast ebenso. Denn wir fanden, dass solche Electricität am
leichtesten durch wässerige sich ihren Weg bahnt, aber gänz-
lich aufgehalten und gehindert wird durch ölige Substanzen.
Um dies zu probiren, haben wir kleine Glasröhren angewendet,
deren eines Ende wir durch eine Masse verstopften, durch
die ein silberner oder kupferner mit Stanniol bedeckter Draht
so hindurchgesteckt wurde, dass er auf der einen Seite in dem
Hoblranm der Röhre endete, auf der anderen aber von ihr
Ostwald's Klassiker. 52. 3
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Aloisius Galvani.
weit weggeführt wurde. Die Röhren füllten wir mit der
zum Experiment hergerichteten Materie aus. nämlich bald mit
wässeriger bald mit öliger, und schlossen sie am anderen Ende
durch einen ähnlichen Kunstgriff und versahen sie auf die-
selbe Weise mit einem ähnlichen Metalldraht. Bei solcher
Anordnung verwendeten wir derartige Köhren so, dass wir
entweder den ganzen Bogen aus gekrümmten Metalldrähten
oder nur einen Theil des Bogens daraus herstellten, dessen
Enden wie gewöhnlich das Thier berührten.
Bei Anwendung dieser Röhren Fig. 14 Taf. 111 traten
keine Contractionen ein, sobald jene mit Oel gefüllt waren,
sie traten jedoch ein, wenn sie Wasser enthielten.
[387] Nichts aber schien mir mehr Nutzen ans diesen
Versuchen zu versprechen, als die Fähigkeit des Leitens
und des Nichtleitens auch in den verschiedenen Theilen
des Thieres zu untersuchen. Bei Anstellung des Versuches
aber erfuhren wir, dass alle Theile der ganz zerschnittenen
Thiere unstreitig frei leiten und solche Electricität bequem
übertragen, vielleicht wegen der Feuchtigkeit, mit der sie von
Natur oder beim Seciren und Präpariren bespült wurden.
Denn wenn die verschiedenen frisch auseinander geschnittenen
festen Theile, wie die Muskelfasern. Knorpel, Nerven,
Knochen, Häute oder die flüssigen, wie das Blut, die Lymphe,
das Serum, der Urin auf einer Glasplatte auseinander ge-
nommen oder in die schon erwähnten Röhren geschlossen, die
präparirten und besonders die belegten Nerven berühren und
eben diesen Theilen dann das eine Ende des Bogens ange-
passt, das andere aber an die Muskeln geführt wird, traten
sicher Contractionen ein, wie wenn des Bogens Ende bei
den Nerven selbst angewendet worden wäre. Eben dasselbe
sahen wir auch eintreten, wenn die Einrichtung umgekehrt
angeordnet ward , indem die schon erwähnten Theile nicht
den Nerven, sondern den Muskeln angefügt worden, der Bogen
aber mit dem einen Ende an diese Theile, mit dem anderen
Ende an die präparirten Nerven geführt wurde. Anders
sahen wir die Sache sich gestalten, wenn jene festen Theile
nicht frisch abgeschnitten, sondern entweder von Natur
trocken waren oder erst getrocknet wurden. Aber die Er-
scheinung trat nicht nur mit diesen künstlich hergerichteten
Theilen ein, sondern auch, wenn die Theile in den Thieren
sich iu ihrer natürlichen Lage befanden oder doch in einer
nicht allzusehr davon abweichenden. Wenn das eine Ende
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Ueber die Kräfte der Electricität bei der Muskelbewegung. 35
des Bogens die isolirten, am besten belegten Nerven, das
andere einen andern beliebigen, unversehrten im Naturzustände
befindlichen Körpertheil berührte, trat das Phänomen, sobald
nur die Muskeln in ihm ebendenselben Nerven entsprachen,
beinahe ebenso ein, wie wenn das obere Ende des Bogens
die Muskeln selbst berührte. Nicht ohne einiges Erstaunen
aber fanden wir sowohl bei Nerven als auch bei Muskeln,
dass wenn sie von einander abgeschnitten und getrennt waren
und dann wieder künstlich vereinigt wurden, dieselbe Er-
scheinung eintrat. Wenn nämlich, nachdem die Frösche
wie gewöhnlich zugerichtet und ihr Vertebralrohr mit Stanniol
belegt war, die Glieder aber mit dem Messer so von einander
getrennt wurden, dass jedes Glied mit dem ihm entsprechen-
den Nerven vereinigt blieb, dann ein Bein von dem anderen
weit entfernt ward, Fig. 15, Taf. III, und das eine Ende
des Bogens dann an das Vertebralrohr geführt wurde, das
andere an die Muskeln oder nur an den Fuss eines Beines,
dann bewegten sich und zogen sich nur die Muskeln eines
Beines zusammen. ^388] Wenn aber dieselben Glieder wieder
sorgfältig zusammengefügt werden, so dass sie zu gegen-
seitigem Contact kommen , dann der Bogen auf dieselbe
Weise angewendet und ganz an denselben Schenkel gelegt
wird, so bewegen sich und ziehen sich alle Muskeln beider
Beine zusammen. Ganz dasselbe geschieht, wenn bei der
Gabelung das Vertebralrohr zusammen mit dem Rückenmark
durchschnitten wird, und dann die Thoile des zerschnittenen
Rückenmarkes mit ihren entsprechenden Nerven von einander
getrennt, die Glieder aber in natürlicher Lage vereinigt
werden. Dann verfallen nämlich die Muskeln des einen
Beines nur dann in Contractionen, wenn das eine Ende des
Bogens nur den einen der erwähnten Theile des Vertebral-
rohres berührt, das andere den entsprechenden Schenkel,
die Muskeln aber beider Beine verfallen in Zuckungen , sobald
die Theile des zerschnittenen Rückenmarkes wieder künst-
lich vereinigt sind, und der Bogen mit seinem einen Ende
ein Bein, mit dem anderen aber diese vereinigten Theile be-
rührt. Ganz dieselben Erscheinungen treten auf, wenn der
Rumpf des präparirten Thieres unverletzt ist, oder wenn er
mitten von oben bis unten durchschnittten ist, wenn nur die
gesammten Theile kunstvoll und sorgfältig wieder zusammen-
gefügt und zur gegenseitigen Berührung gebracht werden.
Fig. 16, Taf. III.
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Aloisius Galvani.
Diese Erscheinungen können offenbar nicht erklärt wer-
den ohne die Annahme, dass die zwischengelagerte Flüssig-
keit der umlaufenden Electricitilt einen Zugang nnd Ueber-
gang ermöglicht. Ob dieser Gedanke wohl etwas Licht auf
den bisher dunklen Grund und Hergang des Zusammen-
wirkens der Nerven wird werfen können ? Wenn doch be-
fähigtere Physiologen einmal darnach forschen wollten !
Aber nichts ist vielleicht zum Beweise der Kraft dieses Zu-
sammenwirkens geeigneter , als dass , wenn die Schenkel-
nerven wie gewöhnlich bei Fröschen horgerichtet werden,
das Rückenmark und der Kopf unversehrt und ebenso die
oberen Glieder in ihrem natürlichen Zustande gelassen werden,
und an einer Stelle der Schenkelnerv oder das Vertebralrohr
belegt und mit dem Bogen einestheils die belegte Stelle,
anderntheils das betreffende Bein berührt wird, nicht nur die
unteren Glieder zusammengezogen werden, sondern auch die
oberen sich bewegen. Es bewegen sich die Augenlider, es
bewegen sich einige Theile des Kopfes ; es scheint also das
durch die Berührung mit dem Bogen bewegte electriscbe
Nervenflnidum zwar zum grössten Theil von der bezeichneten
Stelle der Nerven nach den Muskeln zu fliessen, aber zum
Theil auch durch die Nerven nach oben zu gelangen nnd
bis zum Gehirn geleitet zu werden und in demselben seine
Kraft zu bethätigen, so dass von da die Erregung der übrigen
Muskelbewegungcn ausgeht.
Obgleich nun an der durch Experimente , Analogie und
Vernnnftsgrflnde sicher gestellten thierischen Electricität, [389]
an ihrer Anwesenheit und Bewegung in Nerven und Muskeln
oder an ihrem Ausströmen von diesen oder jenen oder beiden
und an dem freien Austritt durch angelegte leitende Körper
kaum und nicht einmal kaum zu zweifeln statthaft zu sein
scheint, und obgleich wir einsehen, dass unseren Experimenten
Glück und Fleiss eine nicht geringe Ausbeute gewährt hatten,
indem es uns vielleicht zuerst eine Methode finden liess, wie
man diese Electricität förmlich vor Augen führen, aus den
Thiercn herausbringen und gleichsam mit Händen fassen
könnte, schien uns die Sache nichtsdestoweniger, wie wir be-
kennen wollen , weder ordentlich bewiesen und mit allen
Zahlen belegt, noch genügend dem Reich der Hypothese ent-
rückt zu sein, wenn es uns nicht gelänge die Art und
Weise zu ergründen , wie dieselben Contractionen erhalten
werden können, ohne dass die Nerven und Muskeln auf irgend
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Ueber die Kräfte der Electricität bei der Muskelbewegung. 37
eine Weise und mit irgend einem Körper in Berührung
ständen. Wir fürchteten nämlich, dass die Phänomene auf
irgend eine Art einer mechanischen Reizung mittelst des Bogens
oder mittelst der anderen Instrumente zugeschrieben werden
könnten, sodass bei diesen Versuchen alsdann von dem sehr
feinen electrischen Fluidum, welches durch die Nerven fliessen
und Muskelcontractionen erregen sollte, keine Rede wäre. Ich
wollte desshalb versuchen, ob, wenn man mit der einen Be-
legung des magischen Quadrats, wie z. B. der oberen, die Ner-
ven, mit der unteren aber die Muskeln in Verbindung setzte,
Fig. 20, Taf. IV, oder umgekehrt wie Fig. 13, Taf. III mit dem
einen Ende des Bogens jene, mit dem anderen diese Belegung an
einer von den so angeordneten Körpertheilen sehr entfernten
Stelle berührt, Contractionen eintreten würden oder nicht.
Aus einem solchen Experiment würde ich leicht ersehen
können, dass, wenn das von den Nerven ausgehende Fluidum
electrisch wäre und durch seinen Uebergang von den Nerven
zu den Muskeln Contractionen veranlasst würden, es so wäre,
wie wenn man mit dem Bogen die Muskeln und Nerven selbst
berührte, ohne dass jedoch der Verdacht der Anwendung
eines mechanischen Reizes entstehen könnte. Bei Anstellung
des Versuchs haben wir nicht ohne einige Freude Contrac-
tionen constatirt, während sie bei derselben Methode ausblieben,
wenn die auf den Harz- oder Glasplatten nach Art der Physiker
hergestellten Belegungen sich auf ein und derselben Seite
der Platte befanden , wenn sie nur durch irgend einen
Zwischenraum von einander getrennt waren , so dass die
Nerven auf einer von jenen Belegungen, die Muskeln auf der
anderen lagen und durch keinen dazwischen liegenden leiten-
den Körper eine Verbindung hergestellt war. Fig. 18, Taf. IV.
Wir haben aber ausserdem bei diesem Verfahren be-
obachtet, dass die Contractionen erhalten wurden, ohne dass
die Muskeln oder Nerven nach der gewohnten Methode mit
Metallfolie belegt waren. Schliesslich traten sie auch ein, [ 390 ]
wenn in einem Glas das Rückenmark z. B. oder die Ner-
ven, in einem anderen die Füsse im Wasser lagen, dann
mit den Enden des Bogens wie gewöhnlich beide Wasserober-
flächen berührt wurden, Fig. 19 , Taf. IV.
Bei dieser Gelegenheit untersuchten wir, was geschehen
würde, wenn die Muskeln auf einer belegten Glasplatte, das
Rückenmark aber in sein Vertebralrohr eingeschlossen mit
den Nerven zusammen auf einer leitenden Platte mit einem
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38
Aloisius Galvani.
Haken versehen oder wie gewöhnlich belegt lag, ferner was
eintreten würde, wenn man das .Experiment umgekehrt an-
stellte, nämlich das Rückenmark auf die Glasplatte und die
Muskeln auf die leitende Platte legte, und den Bogen wie bei
dem obigen Experiment an zwei verschiedenen Punkten an-
brächte, von denen der eine zum Rückenmark, der andere zu
den Muskeln gehörte, und schliesslich was geschehen würde,
wenn sowohl jenes als auch besonders die Muskeln auf ein
und derselben belegten Glasplatte ansgebreitet würden. Die
Contractionen wurden langsamer und schwerer erregt, wenn
die Muskeln auf der Glasplatte lagen, das Rückenmark aber
auf der leitenden Platte, dagegen traten sie heftig auf, wenn
das Rückenmark auf der Glasplatte, die Muskeln auf der lei-
tenden lagen ; weit heftiger und andauernder aber, zuweilen
von selbst und auch ohne Anwendung des Bogens und sich
gewissermaassen wiedererzeugend, wenn sowohl die Muskeln
wie die Nerven auf derselben belegten Glasplatte lagen , be-
sonders wenn eine leichte Erschütterung oder Bewegung der
belegten Glasplatte herbeigeführt wurde, wobei die Rümpfe
der Thiere geradezu in schweren Starrkrampf zu verfallen
schienen.
Wenn man nun diese Erscheinungen mit denen verglich,
deren Auftreten wir im Anfang erwähnten, wo nämlich die Mus-
keln und das Rückenmark auf derselben leitenden Platte lagen
und die Contractionen durch eine Pressung des Hakens gegen
jene Platte oder auf eine andere der erwähnten Arten ent-
standen, so erkannte man, dass dieselben damals weit geringer
waren, als jetzt, wenn ähnliches auf der belegten Glasplatte
vorgenommen wurde; ein nicht unbedeutendes Argument da-
für, dass die thierische weniger als die gewöhnliche allge-
mein verbreitete Electricität durch die leitenden Körper sich
verliert, jedoch durch die nicht leitenden ebenso eingeschränkt
wird und sich anhäuft, als jene, was in den Experimenten,
welche folgen, weit klarer als bisher, wenn ich etwas Urtheil
habe, bewiesen werden wird. Denn ehe ich meiner Hände
Arbeit von diesen Experimenten zurtickziehe, wollte ich ver-
suchen, ob dieselben Contraetionserscheinungen nicht nur bei
Anwendung von Platten aus Glas oder Harz auftreten, son-
dern auch bei solchen aus Marmor und zwar mit guter
Politur, um mir den Zweifel zu nehmen , welchen ich oft
hegte , [391] ob nämlich die Contractionen , die ich von
der thierischen Electricität herleitete, nicht eher von der
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..-^£.£S.r ! !
U N I VE HS IT y)
Ueber die Kräfte der Electricität bei dcj- Mg^kc ttfe w e m m 9
40
Aloisius Galvani.
Electricität der belegten Platte aus Glas oder Harz ausgingen.
Als ich nun mit den belegten Marmorplatten alle diese
Versuche, wie bei denen aus Glas oder Harz, anstellte,
glückten sie alle ebenso, aber die Contractionen wurden lang-
samer , so dass dieselben Kunstgriffe angewendet werden
mussten, durch welche die Kraft der die Contractionen er-
regenden thierächen Electricität vermehrt wird. Daher habe
ich oft die eine Belegung der einen Marmorplatte oder einen
Theil der Belegung ein und derselben Platte — es ist näm-
lich dasselbe, ob man zwei Platten anwendet oder eine durch
die Belegungen in Theile getheilte — mit einem Metall z. B.
Zinn oder Silber, die andere mit Bronze oder Messing her-
steilen müssen, damit die Contractionen einträten, vielleicht
weil die thierische Electricität wie die gewöhnliche, allgemeine
weniger gern von Marmor als von Glas- und Harzsubstanzen
festgehalten zu werden pflegt. Eins aber darf nicht mit
Stillschweigen übergangen werden, dass das eine Ende des
Bogens, wenn es aus nicht leitender Substanz hergestellt wird,
und man wie oben die belegten Platten berührt, gar keine
Contractionen erregt. Sie werden aber erregt, wenn dasselbe
Ende oder ein anderer nicht leitender Körper an die be-
legten Nerven oder das Rückenmark, wie wir schon erwähnt
haben, angelegt wird. Weil uns aber das schon bei todten
Fröschen und herausgeschnittenen Nerven wunderte, hat es
uns angeregt, dasselbe Experiment auch an lebenden sowohl
mit unverletzten als auch mit heraussecirten Nerven zu
versuchen. Daher haben wir, nachdem die Hüllen abgetrennt
und der Schenkelnerv entblösst und belegt war, sobald jener
ganz bloss lag , an der Stelle des Schenkels , welche mit
der Kniekehle verglichen werden kann, den Bogen wie ge-
wöhnlich mit eben diesen Nerven, wie auch besonders mit
den Muskeln in Berührung gebracht. Contractionen traten
nicht selten ein. Sie traten aber immer ein, wenn der Nerv
herauspräparirt und blossgelegt war und auf eine belegte
Glasplatte geführt wurde und dann der Nerv oder nur die
Platte und die Muskeln auf dieselbe Weise mit dem Bogen
berührt wurden. Sie blieben ganz oder zum grossen Theil
aus, wenn die Platte, auf der der Nerv ausgebreitet lag,
leitend und auf keine Weise isolirt war, so dass deshalb fest-
zustehen scheint, dass die Aeusserungsweise der thierischen
Electricität dieselbe ist bei lebenden wie bei todten Thieren.
Bei so vielen und , wie ich meine , nicht unbedeutenden
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Ueber die Kräfte der Electricität bei der Muskelbewegung. 41
Beweisen für die Kräfte der thierischen Electricität wollte
ich versuchen, ob die gewohnte Präparirung der Nerven oder
ihre Trennung von den übrigen Theilen etwas zum Sammeln
und Zugänglichmachon ihrer Kräfte, wie es bei der äusseren,
gewöhnlichen Electricität, geschieht, beitragen würde. [392]
Ich fand in der That, dass sie sehr viel dazij beitrug. Denn,
wenn ich nur den Schädel und das Vertebralrohr geöffnet,
das übrige Thier aber unverletzt gelassen und nur das Ge-
hirn oder das Kückenmark mit feinem Stanniol belegt hatte,
und wenn dann das eine Ende des Bogens den belegten Theil,
das andere den Schenkel berührte, so traten zwar einige Con-
tractionen in den obern, aber keine, oder kaum welche in den
unteren Gliedern auf. Kaum merklich aber und allmählich
traten einige ein, je nachdem bei den abgehäuteten und aus-
geweideten Thieren die Nerven mehr und mehr von den Nach-
bartheilen getrennt wurden, bis schliesslich, nachdem die Ner-
ven gänzlich von denselben getrennt und frei nur von Luft
umgeben waren, jene stark und heftig eintraten und zwar bei
Anwendung desselben Bogens und auf ganz dieselbe Weise,
so dass daraus klar hervorzugehen scheint, dass vielleicht der
thierischen Electricität Wege und Zugänge von den Nerven
zu den Muskeln durch die Feuchtigkeit oder durch die die
Nerven durchziehenden Blut- und Lymphgefässe offen stehen,
und, wenn nach ihrer Durchschneidung die Nerven frei und
isolirt sind, die Electricität zur Bewegung frei verwendbar
nach der belegten Stelle ganz oder zum grossen Theil zusam-
menfliesst und mit Hilfe des Bogens ihren Kreislauf durch die
Muskeln und Nerven erfüllt und Contractionen hervorruft und
zwar weit grössere, als vor einer solchen Zurichtung.
Eine solche neue Erscheinung scheint ein nicht unbe-
deutendes Beweismittel für die thierische Electricität zu liefern
und es kann leicht daraus die Anschauung erwachen, dass die
Beschleunigung des Blutes und der Umlauf der Flüssigkeiten
bei den Muskelbewegungen ganz besonders oder doch zum
Theil von der Electricität abhängt, welche von den Nerven
nach den Gefässen fliesst und in deren Flüssigkeiten eine
Bewegung erregt. Wenn dieser Vermuthung Raum ge-
geben werden darf, könnte man vielleicht irgendwie eine
Ansicht dafür ableiten , warum bei den Greisen , bei denen
viele Gefäsae verwachsen sind, die Electricität reichlicher
durch die Nerven nach dem Gehirn aufsteigt und es nicht
selten schwer verletzt, wodurch das Greisenalter auch deshalb
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42
Aloisius Galvani.
der Paralyse und Apoplexie und anderen derartigen Krankheiten
ausgesetzt ist. Aber darüber anderen Orts.
Nichts schien uns förderlicher, einen Nutzen aus unseren
Studien zu ziehen, als unsere bisherigen Versuche mit Kalt-
blütern auch auf die Warmblüter eifrig auszndehnen.
Denn ich erkannte leicht, wenn sich das, was ich ge-
funden hatte , nur auf die Kaltblüter bezog , ich nur deren
vielleicht gar nicht nutzbar zu machende Eigenthümlichkeiten
gefunden hätte, [393] wenn es sich aber bei den Warm-
blütern finden Hesse, bot sich mir die wichtige Aussicht dar,
nicht wenig dazu beizutragen, die Wirkungsweise und Natur
der Muskel- und Nervenkräfte , wenn auch nicht offen klar
zu legen, so doch mehr aufzuhellen, was wohl nicht ohne
Vortheil für die Physiologie nnd Nutzen für die Medicin
sein dürfte. Bei den Versuchen mit Geflügel und Vierfüsslern
traten die Erscheinungen nicht nur einmal , sondern öfters
nach Wunsch ebenso ein, wie bei Kaltblütern, Fröschen und
Schildkröten, ja sogar leichter, und sie waren weit deutlicher.
Dabei konnte man noch das Eigenthümliche bemerken, dass
bei dem lebenden Thier, nämlich einem Lamm, nachdem
der Schenkelnerv durchschnitten, die Metallfolie aufgelegt,
und er anf eine belegte Glasplatte ausgespannt war, die Con-
tractionen auch ohne den Kunstgriff mit dem Bogen, schon
durch die Berührung eines leitenden Körpers mit der Platte
eintraten; wenn der Nerv aber auf eine Metallplatte ausge-
spannt war, wurden sie nie erregt, ausser wenn der Bogen
in der gewöhnlichen Weise bei den Thieren angewendet wurde.
Wie aber kann klarer und sicherer bewiesen werden,
dass die thierische Electricität von den Nerven auf die be-
rührenden Körper übergeht und nicht anders, als die allver-
breitete, gewöhnliche Electricität es zu thun pflegt, in nicht
leitenden Substanzen sich sammelt, in leitenden sich zer-
streut? Dies ist es, was wir durch Experimentiren gefunden
haben.
Wir möchten unsere Leser zunächst daran erinnern, dass
die von uns entdeckte thierische Electricität, wie in vielen
anderen Eigenthümlichkeiten, so am meisten in ihrer Unbe-
ständigkeit , Wandelbarkeit und einer gewissen Erneuerungs-
fähigkeit nach einer bestimmten Zeit mit der gewöhnlichen
Electricität nicht wenig übereinstimmt. Denn die Contractionen
unterscheiden sich sehr von einander, am meisten in diesem
letzten Theil der Experimente nicht nur nach der verschie-
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Ucber die Kräfte der Electricität bei der Muskelbewegung. 43
denen Art der Thiero, sondern auch nach der Verschieden-
heit ihrer Natur, ihres Alters, ihres Zustandes und ihrer
Stärke , so dass sie bei manchen sehr rasch und bedeutend
anftreten, bei andern spärlich und kaum bemerkbar. Ebenso
sind Unterschiede je nach der Jahreszeit und besonders je nach
dem Wetter vorhanden. Denn im Sommer und bei mit Blitzen
drohendem Himmel pflegten die Contractionen grösser und
rascher aufzntreten, als im Winter und bei klarem Himmel,
auch fanden wir, dass dann jene Kraft, durch welche sie
erregt wurde, rascher erlosch. Ebenso waren sie grösser
und schneller bei einem älteren als bei einem jüngeren Thier,
bei einem lebhafteren als bei einem stumpferen , schliesslich
auch bei blutleeren und blassen Muskeln grösser, als bei voll-
blütigen, rothen Muskeln.
[394] Ausserdem sind die Contractionen in ein und dem-
selben Thier bald gross, bald klein und bleiben zuweilen auch
ganz weg. Wenn sie einmal bei den ersten Versuchen glücken,
glücken sie öfters bei weiteren.
Eine grosse Verschiedenheit der Wirkungen oder Con-
tractionen zeigt sich nicht nur in grossen, sondern auch in
kurzen Zeiträumen.
Endlich vermehrten nach einer gewissen Zeit der Ruhe
die Contractionen sich zuweilen wieder ganz von selbst und
erstarkten, die scheinbar ganz verschwundenen stellten sich
wieder ein, während doch den äusseren Ursachen kaum
etwas neues hinzugefügt und an ihnen nichts bemerkbar
geändert wird, gerade wie durch Ruhe und Erholung nach
einer gewissen Zeit die durch wiederholte Experimente
zerstreute Electricität des magischen Quadrates oder der
Leydener Flasche sich wieder herzustellen und zu erholen
scheint.
Damit diejenigen, welche Versuche dieser Art anstellen,
den Gebrauch und Nutzen des Bogens erkennen, sei beson-
ders hervorgehoben, dass, sobald die Contractionen ausblieben,
welche durch die Berührung vor allem der belegten Nerven
zuweilen mit jedem beliebigen wenn nur leitenden Körper
erregt werden , man dieselben noch einmal sich erneuern
sieht, sobald man zum Gebrauche des Bogens seine Zuflucht
nimmt. Will man aber eben diesen Bogen an die belegten
Oberflächen der Platte halten , so soll man ihn sogleich oder
sehr bald nach der Präparirung des Thieres in Gebrauch
nehmen. Wir erwähnen solches, damit bei Wiederholung
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41
Aloisius Galvani.
unserer Versuche man in der Beurtheilung der Kräfte der
Contractioneu und der Eleetricität sich nicht täusche oder
uns filr getäuscht halte. Wer diese Versuche mehrmals an-
stellt, wird öfters dasselbe finden, was wir durch Uebung
\ind Experimentiren an Erscheinungen bekommen haben.
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Ueber die Kräfte der Electricität bei der Muskelbewegung. 45
Vierter TUeil.
Einige Vennuthnngen und Schlnssfulgernugen.
Nach den bisher erkannten und erforschten Thatsachen
steht es, meine ich, genügend fest, dass den Thieren Electri-
cität innewohnt, welche mit Bartoloni und anderen wir mit
dem Gattungsnamen »Thierische« zu benennen uns erlaubten.
Dieselbe ist, wenn auch nicht gerade in allen, so doch in den
meisten Bestandteilen [395] der Thiere enthalten, aber in
den Muskeln und Nerven macht sie sich am ansehnlichsten
bemerkbar. Ein ihr eigentümliches, früher nicht bekanntes
Characteristicum scheint es zu sein, dass sie ein heftiges Be-
streben hat, von den Muskeln zu den Nerven oder lieber von
letzteren zu ersteren zu wandern und sich dorthin durch den
Bogen oder die Menschenkette oder irgend einen anderen
Körper zu schleichen und von den Nerven zn den Muskeln
auf einem möglichst kurzen und bequemen Wege zu gelangen,
und dass sie sehr schnell durch dieselben von jenen zu die-
sen eilt.
Daraus scheint aber vor allem zweierlei hervorzugehen,
dass es nämlich in diesen Theilen eine doppelte Electri-
cität giebt, die eine positiv, wie man annehmen muss, die
andere negativ und dass die eine von der anderen von
Natur gänzlich verschieden ist, zweitens, dass beim Gleich-
gewicht keine Bewegung, kein Ausströmen von Electricität,
keine Erscheinung einer Muskelcontraction vorhanden ist.
In welchen von den erwähnten Theilen die eino Electri-
cität, in welchem die andere sitzt, ob die eine in den Mus-
keln, die andere in den Nerven oder beide in ein und dem-
selben, dem Muskel, und von welcher Seite aus sie fliesst, ist
natürlich schwer festzustellen. Wenn man jedoch bei dieser
Dunkelheit des Thatbestandes eine Ansicht haben darf, so
möchte ich dazu hinneigen , den Sitz beider Electricitäten in
die Muskeln zu verlegen.
Wenn es auch zur Hervorrufung der Muskelcontractionen
meist nöthig ist, das eine Ende des Bogens ausserhalb der
Muskeln an die Nerven anzulegen, das andere an die Muskeln,
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Aloisius Galvani.
so scheint daraus doch noch nicht zu folgen, dass die Ner-
ven reich an eigener Electricität sind, ebenso dass die eine
Electricität in ihnen, die andere in den Muskeln ihren Sitz
hat; wie auch bei der Leydener Flasche, obgleich das eine
Ende des Bogens der äusseren Belegung der Flasche, das an-
dere ihrem Conductor genähert zu werden pflegt, so dass das
Ueberspringen der Electricität von der einen zu der anderen
Belegung stattfindet, es doch keineswegs zu behaupten erlaubt
ist, dass die Electricität, welche sich in dem Conductor zeigt,
eine besondere und von der, welche auf dem Boden der
Flasche gesammelt ist, verschieden sei ; letztere ist überall
auf der unteren geladenen Fläche verbreitet und beide Elec-
tricitäten sind, obgleich entgegengesetzt, in derselben Flasche
enthalten.
Wenn die grosse Anzahl von Contractionen , welche bei
den präparirten Thiereu auftritt, beachtet wird, welcher
durchaus nicht jene geringe Menge Electricität, die in dem
kleinen bei der Section an dem präparirten Muskel übrig-
gebliebenen Nervenstück enthalten sein würde, entsprechen
kann, wenn man ausserdem die vielen von den thierischen
Functionen hergenommenen Beweisgründe in Betracht zieht,
welche [396] deutlich darauf hinweisen, dass das von uns
als electrisch gekennzeichnete Nervenfluidum frei und sehr
schnell durch die Nerven fliesst, wenn schliesslich eine nicht
dunkle oder erkünstelte Erklärung der Erscheinungeu durch
die Annahme erreicht wird, dass beide Electricitäten nur in
den Muskeln sitzen, wie wir nachher zeigen werden, so liegt
es nahe zu vermuthen, der Muskel sei der eigentliche Sitz
der von uns entdeckten Electricität, der Nerv aber fungire
nur als Conductor. Dies angenommen wäre vielleicht die
Hypothese zutreffend, die Muskelfaser sei gewissermaassen
eine kleine Leydener Flasche oder ein anderer ähnlicher elec-
trischer, mit doppelter und entgegengesetzter Electricität ge-
ladener Körper, der Nerv aber sei mit dem Conductor der
Flasche und deshalb der ganze Muskel gleichsam mit einer
Batterie Leydener Flaschen zu vergleichen ; hiermit wäre die
Wahrheit vielleicht nicht so ganz verfehlt. Dass es nicht
wahrheitswidrig ist, eine zwiefache und entgegengesetzte Elec-
tricität in ein und demselben Muskel sitzend anzunehmen,
wird ein Jeder zugestehen, der gesehen hat, wie die Muskel-
faser, obgleich beim ersten Anblick sehr einfach, doch aus
verschiedenen festen, wie flüssigen Theilen zusammengesetzt
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Ueber die Kräfte der Electricität bei der Muskelbewegnng. 47
ist, welche eine nicht unbedeutende Abwechselung in der Sub-
stanz bedingen müssen. Sicher erinnert die Empfindung deut-
lich daran, dass die Nervensubstanz, welche auch in jedem Punkte
der Faser vorhanden ist, von der der Muskeln ganz verschieden
befunden wird. Wenn nun diese Nervensubstanz weder in jedem
Punkte der Muskelfaser einen Nerv aufweist noch mit Augen
wahrnehmbar ist, sondern nur durch das Gefühl erkannt
wird, was hindert da anzunehmen, dieselbe sei von der Sub-
stanz des sichtbaren Nerven wenigstens zum Theil verschieden
oder auf eine abweichende Art zusammengesetzt und habe
deswegen vielleicht eine electrische Natur, der leitende Nerv
aber setze sich ausserhalb der Muskelfaser fort. Diese An-
sicht wird aber vielleicht aus dem, was wir etwas später über
die Nerven sagen werden, klarer hervortreten.
Viel weniger aber wird Jemand die zwiefache Electricität
in ein und derselben Muskelfaser leugnen können , wenn er
deutlich gesehen hat, dass eben diese Faser einander entgegen-
gesetzte Flächen bat, nämlich eine äussere und eine innere,
sei es nun, dass man die Hohlheit, die einige ihr zuschreiben,
oder die Verschiedenheit der Substanz, aus der sie zusammen-
gesetzt ist, ins Auge fasst, welche beide nicht ohne diverse
Grübchen und Flächen der Muskelsubstanz vorhanden sein
können. s )
Wenn man schliesslich sein Augenmerk dem Mineral
Turmalin flüchtig zuwenden wollte, in dem, wie nach den
Entdeckungen neuerer Forscher anzunehmen wäre, eine
zwiefache und entgegengesetzte Electricität gefunden wird,
[397] würde mau darin einen neuen der Analogie entnom-
menen Grund sehen können, aus dem nicht ohne Berechtigung
diese Anschauung hergeleitet werden könnte. Aber wie sich
die Sache auch verhalten mag, wir glaubten eine solche
Uebereinstimmung der Gründe und Erscheinungen zwischen
dem Ausströmen des electrischen Fluidums bei der Leydener
Flasche und bei unseren Contractionen bemerkt zu haben,
dass wir von dieser Hypothese und diesem Vergleich kaum
nnd nicht einmal kaum Abstand nehmen und uns nicht ver-
sagen konnten, dieses und jenes Phänomen ähnlichen Ursachen
zuzuschreiben.
Denn bei Anwendung von drei Kunstgriffen bricht die
Electricität am besten aus der Belegung der Leydener Flasche
hervor, nämlich bei der Berührung ihres Conductors mit einem
gut leitenden Körper, durch Anlegen des Bogens nnd bei
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Aloisius Galvani.
Hervorrufimg eines Funkens aus dem Conductor der Electri-
sirmasehine, wie wir ganz vor kurzem beobachtet haben.
Gerade durch diese Kunstgriffe sahen wir vorhin, werden
auch die Muskelcontractionen erhalten, nämlich durch die Be-
rührung des belegten Nerven, welchen wir zum Condnctor
des Muskels gemacht haben, durch das Anlegen des Bogens
mit seinen Enden sowohl an den Nerven wie auch an den
Muskel, schliesslich durch Ueberspringen des Funkens.
Wie unter allen jenen Hülfsmitteln zur Hervorrufnng
des Ausbrechens der Electricität aus den Leydener Flaschen
der Bogen geeigneter und wirksamer als alle übrigen ist, so
haben wir schon gesehen, dass derselbe auch zur Erregung
der Muskelcontractionen der geeignetste ist ; wenn der Conductor
nicht aus der Mündung der Flasche und vor allem aus jener
Partie hervorragt und you ihr absteht, auf der die leitende
Materie innerhalb der Flasche angebracht ist, so vermag der
Bogen kaum etwas zur Erregung eines Funkens beizutragen ;
auch leistet derselbe, wie wir schon zeigten, kaum etwas zur
Herbeiführung der Muskelcontractionen , wenn die Nerven
nahe bei den Muskeln durchschnitten sind.
Was aber das Hervorrufen des Funkens betrifft, so geht
die Aehnlichkeit weiter, als wir bisher auseinandergesetzt
haben. Damit man das richtig einsehe, bemerken wir, dass
wir zufällig beobachtet haben, wie ein heller Büschel fort-
während im Dunkeln an dem zugespitzten Conductor der ge-
ladenen Leydener Flasche schimmerte und nach einiger Zeit
von selbst verschwand. Nachdem aber jener verschwunden
war, kam, wenn die Flasche von dem Conductor der Ma-
schine in einer gewissen Entfernung stand, und man aus
dem Conductor Funken hervorlockte, eben dieser Büschel in
demselben Moment, in dem der Funken gezogen wurde,
wieder zum Vorschein, und verschwand bald wieder; und so
entstand [398] und verschwand er abwechselnd beim Hervor-
rufen des Funkens. ! So bot uns jener Büschel, welcher, auf
verschiedene Weise von uns untersucht und erforscht ward,
einen neuen nicht unbedeutenden Anhaltspunkt für die er-
wähnte Analogie. Denn wie beim Ueberspringen des Funkens
sich ein solcher Büschel zeigt, so werden auch, wie wir er-
wähnten, die Contractionen erregt. Ausserdem wie, wenn
ein leitender am besten mit der Erde communicirender Kör-
per die äussere Belegung der Flasche berührt, zu derselben
Zeit eben der Büschel beim Ueberspringen des Funkens
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Ueber die Kräfte der Electricität bei der Mnskelbewegung. 49
verschwindet und matt wird, bei abermaligem Hervorrufen
des Funkens sich wieder belebt und erneuert, so werden,
wenn eben solch ein leitender Körper an die Muskeln be-
festigt wird, die verschwindenden Contractionen, sobald der
Funken entlockt wird , erneuert oder die erlahmenden , wio
schon erwähnt, verstärkt werden. Ebenso wie beim Hervor-
rufen des Funkens jener Büschel erscheint, sowohl wenn der
Conductor der Maschine die Flasche hinter sich hatte, als auch
wenn er sich in der entgegengesetzten Richtung befand, so
treten auch, wie wir sagten, die Contractionen auf, wenn
sich die Nerven und ihre Condnctoren der Maschine gegen-
über befanden oder auf der entgegengesetzten Seite. Wenn
aber der Theil des Conductors, welcher aus der Mündung der
Flasche hervorragt, in eine Glas- oder Harzröhre geschlossen
wird, bleibt beim Ueberspringen des Funkens der Büschel
aus, genau so, wie bei Einschliessung der Nerven in eine
solche Röhre die Contractionen ausbleiben, obgleich das übrige
Thier offen an der freien Luft liegt.
Wie tiberdiess , wenn die Flasche in ein anderes Glas-
gefäss mit äusserer Metallbelegung gesetzt wird, nur durch
Contact mit diesem Gefäss, wenn der Funken entlockt wird,
der erlahmende Büschel sich erneuert und das verschwindende
sich wieder belebt, so beleben sich bei der Berührung eben
dieses Glases beim Ueberspringen des Funkens die erlahmen-
den Contractionen und die aufhörenden heben wieder an, wenn
die Flasche, in welcher das Thier sich befindet, wie in Fig. 3 ,
Taf. I, in eben so ein Glas gestellt wird.
Wie der ganze Anblick des electrischen Büschels aber
beim Ueberspringen des Funkens verschwindet, wenn der Con-
dnctor der inneren Belegung nicht über der Mündung der
Flasche hervorragt, oder wenn, obgleich er hervorragt, ihm
ein anderer Conductor boigefügt , und bis zur äusseren
Belegung der Flasche fortgeführt wird, so hören beim Ueber-
springen des Funkens, wie wir berichtet haben, die Con-
tractionen auf, wenn der Nerv über die ihm entsprechenden
Muskeln und berührenden Tlieile nicht hervorragt, oder wenn,
obgleich er hervorragt, ihm ein anderer Conductor angeheftet
ist, welcher bis zu den Muskeln oder ihren Conductoren ge-
leitet wird.
Aber wenn auch diese Hypothese und dieser Vergleich
einen nicht unbedeutenden Schein der Wahrheit darbieten, so
giebt es doch manches, was bedenklich gegen sie zu sprechen
Ostw&ld’s Klassiker. 52. 4
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Aloiuius Galvani.
scheint. Denn entweder sind, wie manche glauben, die
Nerven idioelectrisch und können dann ganz, und gar nicht
als Conductoren [399 fungiren, oder sie sind auelectrisch ; wie
wird es dann geschehen können, dass in ihnen das thie—
rische electrische Fluidum sich aufhält und nicht sich ver-
liert und auf die benachbarten Tkeile verbreitet, natürlich
nicht ohne grosse Verminderung der Muskelcontractionen?
Diesem Einwande und dieser Schwierigkeit wird man leicht
begegnen, wenn man sich die verglichenen Nerven so vor-
stellt, dass sie innen hohl oder wenigstens aus einer für die
Fortbewegung des electrischen Fluidums geeigneten Materie
zusammengesetzt, aussen aber mit einer öligen oder anderen
Substanz versehen sind , welche die Zerstreuung und Aus-
breitung eben des durch sie fliessenden electrischen Fluidums
hindert. Eine solche Structur und Zusammensetzung der Ner-
ven wird bewirken, dass sie auf zweierlei Art fungiren
können, nämlich das electrische Nervenfluidum leiten und zu-
gleich seiner Ausbreitung Vorbeugen, und wird sowohl der Or-
ganisation des Thieres als den Experimenten vollkommen ent-
sprechen. Wenn nun die Organisation des Thieres zu fordern
scheint, dass das Leben des Thieres in den Nerven einge-
schlossen sei, so zeigen dagegen die Experimente, dass die
Nerven aus einer sehr öligen Substanz zusammengehäuft sind. a )
Denn nicht nur eine grosse Menge Oel wurde durch Destil-
lation von den Nerven erhalten, eine weit grössere als von
den Muskeln , sondern es wurde auch eine grössere Menge
brennbaren Gases, nach der Methode der Neueren, aus ihnen
gewonnen, als zu gewinnen von irgend einem anderen Theile
des Thieres je möglich war, und dieses Gas besass die Fähig-
keit, beim Anzünden eine lebhaftere, reinere und bei weitem
andauerndere Flamme zu geben, als das den übrigen Theilen
entzogene brennbare Gas zu thun pflegt. Gewiss ein nicht
geringer Beweis für den reicheren Oelgehalt der Nerven.
Diese idioelectrische Substanz in den Nerven, welche
vorhanden zu sein scheint, damit nicht das electrische Ner-
venfluidum mit bedeutendem Verlust vernichtet werde, wird
aber nicht hinderlich sein, dass eben dieses Fluidum, welches
durch eine innere leitende Substanz der Nerven fliesst, von
eben diesen Nerven, wenn es nöthig geworden ist, ausgeht,
um Contractionen zu bewirken, wobei es durch den Bogen auf
die Muskeln in der ihm charakteristischen Weise sehr schnell
übertragen wird.
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Ueber die Kräfte der Electricität bei der Muskelbewegung. 51
Wie nämlich der Conductor der Leydener Flasche, ob-
gleich mit Wachs bedeckt, beim Anlegen des Bogens eine Ent-
ladung aufweist, wenn die Wachsschicht sehr dünn war, oder,
wenn sie auch dicker aufgetragen, jedoch mit einer dünnen
Metallfolie belegt wurde, wenn man nur gewisse Grenzen der
Dicke nicht überschreitet, wie wir öfters erfahren haben, so
kann von dem vielleicht auf ähnliche Weise von Natur ge-
schaffenen und besonders von dem künstlich belegten Nerven das
electrische Fluidum ausfliessen und Contractionen bewirken.
[400] Es möge uns daher gestattet sein eine vielleicht
nicht unwahrscheinliche, hierauf bezügliche Ansicht folgen zu
lassen, die wir jedoch wieder fallen lassen werden, sobald die
Gelehrten anderer Meinung sind, oder die Entdeckungen der
Physiker und neue darüber angestellte Versuche eine andere
als geeigneter erweisen.
Bis jetzt habe ich nur wenig über die Beschaffenheit der
thierischen Electricität aus dem entnommen, was die initgetheilten
Versuche erkennen Hessen. Es hat diese Electricität einiges
mit der künstlichen und gewöhnlichen , anderes mit der des
Zitterrochens gemein.
Mit der gewöhnlichen Electricität hat sie gemein :
Erstens die freie und leichte Bewegung durch dieselben
Stoffe, durch welche die gewöhnliche zu fliessen pflegt, näm-
lich vor allem durch die Metalle und unter denen am besten
durch die vollkommneren, edlen, als da sind Gold und Silber,
dann durch die weniger edlen, nämlich Bronze, Eisen, Zinn,
Blei , ausserdem durch die unvollkommenen , zu denen Anti-
mon gehört, und schliesslich durch Erze. Leicht und frei ist
der Weg durch Wasser und Flüssigkeiten, schwieriger durch
Steine, Erden, Hölzer, unterbrochen schliesslich und gänzlich
abgeschlossen durch Körper aus Glas, Harz und Oel, woher
es kommt, dass, wenn Metalle mit einer nicht leitenden Fläche
überzogen sind , die Electricität nicht anders, wie die künst-
liche und gewöhnliche , sich in ihnen anzuhäufen pflegt und
weit grössere Wirkungen zu erzielen d. h. heftigere und an-
dauerndere Contractionen zu erregen pflegte , als wenn eben
dieselben Metalle mit anderen leitenden Körpern frei commu-
nicirten.
Zweitens beim Ausströmen die Vorliebe für den kurzen
und leichten Weg, nämlich für Bogen , Ecken und Spitzen.
Drittens ihre Doppelsinnigkeit und ihr zweierlei Vor-
zeichen, nämlich das eine positiv und das andere negativ.
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• r Cf rn£ '
..'NIVEHS1TT,
California,
52
Aloisius Galvaui.
Viertens ihr dauorndes und stundenlang constantes An-
haften an den Muskeln, nicht anders wie bei der gewöhn-
lichen Electricität, die lange an den Körpern zu haften pflegt.
Fünftens ihre gewissermaassen freiwillige ,0 ) und nicht
geringe Zeit andauernde Erneuerungsfähigkeit.
Sechstens die hervorragende Zunahme ihrer Kräfte bei
Anwendung des Kunstgriffes der sogenannten Belegung und
zwar aus dem Metall , mit dem die Physiker gewöhnlich
Harz- und Glaskörper bedecken.
Die mit der Electricität des Zitterrochens und der anderen
Thiere dieser Klasse gemeinsamen Eigenthümlichkeiten sind
vor allem folgende : der Kreislauf der Electricität von einem
Theile des Thieres [401] zum anderen und zwar durch den
Bogen oder vielmehr durch das an Stelle des Bogens die-
nende Wasser, wie es die Physiker beobachtet haben. Daraus
geht hervor, dass ein solcher Kreislauf nicht allein eine Eigen-
tümlichkeit des Zitterrochens und ähnlicher, sondern viel-
leicht der meisten Thiere bei Anwendung unserer Kunstgriffe
ist. Ausserdem fehlen bei diesen wie bei jenen die An-
zeichen einer noch so zarten Ausstrahlung, es fehlen die An-
ziehung und Abstossung sehr leichter Körper und schliesslich
die Anzeichen auch der geringsten Bewegungen in den bisher
erfundenen Electrometern. 11 )
Mit einer solchen Electricität hat unsere thierische Elec-
tricität auch das gemein, dass sie keiner vorausgehenden
Kunstgriffe bedarf, z. B. der Reibung, Erwärmung und der-
gleichen, durch die sie erregt würde, sondern gleichsam von
der Natur bereitet und schnell fertig sich zeigt bei blossem Cou-
tact. Ja die thierische Electricität besitzt eine so grosse Actions-
energie, wie wir erprobt haben, dass wenn auch das Verte-
bralrohr an der belegten Stelle mit einem nicht leitenden
Körper berührt wird, sich nichtsdestoweniger nicht selten
Contractionen zeigen, am besten bei frisch getödteten uud
präparirten Thieren. Häufig traten sie ein, wenn der
nicht leitende Körper gegen die Metallfolie so gedrückt ward,
dass die Berührung der Metallfolie mit dem aus dem Verte-
bralrohr tretenden Nerv verstärkt oder verändert wurde.
Und dies kaun , wie ich glaube, einen Anhaltspunkt für das
Verständniss der Electricität des Zitterrochens geben.
Ferner scheint Eines vor allem dem Zitterrochen und
den verwandten Thieren eigenthümlich und charakteristisch
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lieber die Kräfte dor Electricitiit bei der Muskelbewegung. 53
zu sein, dass sie nach Belieben und Willkür im stände sind,
Electricität aus der Haut ausströmen und hervorschleudern
zu lassen, sodass jene ausserhalb des Körpers ihren Kreis-
lauf vollendet, und zwar in solcher Menge und Wucht, dass
sie, wie wir von den Physikern hören , Funken sprüht , eine
Erschütterung und einen heftigen Schmerz herbeiführt und
zuweilen einen Angriff auf Thierchen macht, welche in die
Bahn des Kreislaufs fallen , um dieselben zu tödten oder zu
betäuben oder anfzuschrecken. Letzteres ist wohl nur für
die reichlichere Menge und Kraft der Electricität bei solchen
Thieren bezeichnend, nicht aber für ihre abweichende Natur,
und vielleicht können einmal Kunstgriffe erfunden werden, die
diese Wirkungen auch an anderen Thieren zeigen.
Die von uns gefundenen und bewiesenen Kräfte und
Arten, wie auch besonders die Wege eines solchen electri-
schen Kreislaufs werden vielleicht einiges Licht über den
Kreislauf in dem Zitterrochen und den verwandten Thieren
verbreiten können, und es werden vielleicht wiederum von der
sorgfältigen Untersuchung und Beobachtung [402 ] der Organe
dieser Thiere, die für diese Kraftäusserung dienen, diese unsere
Angaben Licht erhalten. Die Instrumente werden vielleicht
ähnlich sein, die Enden des electrischen Stromes dieselben,
nämlich die Muskeln und Nerven.
Soviel über die charakteristischen Eigenthtimlichkeiten der
thierischen Electricität. Einiges wenige jetzt über ihre Quelle.
Ich würde glauben, dass diese keine andere wäre, als die,
welche die Physiologen bis auf den heutigen Tag für die Thier-
seelen annehmen, nämlich das Gehirn. Denn wenn wir auch
bewiesen haben, dass die thierische Electricität in den Muskeln
steckt, werden wir dennoch nicht der Meinung huldigen, dass
sie von ihnen auch als von der ursprünglichen, natürlichen
Quelle herstammt.
Denn da alle diese Nerven, sowohl die, welche zu den
Muskeln, als auch die, welche zu den übrigen Körpertheilen
führen, wie von Ansehen so auch von Natur dieselben zu sein
scheinen , wer wird da leugnen können , dass sie alle die
Fähigkeit besitzen das Fluidum zu leiten? Schon oben
haben wir gezeigt, dass durch die Nerven der Muskeln das
electrische Fluidum geleitet wird. Es wird daher durch alle
zusammen geleitet werden. Sie werden es daher aus einer
gemeinsamen Quelle , dem Ursprung und Anfang aller , näm-
lich dem Gehirn schöpfen. Sonst gäbe es so viele Quellen
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54
Aloisius Gnlvani.
als Theile, in denen die Nerven enden, und da diese in ihrer
Beschaffenheit und ihrem Bau in hohem Grade verschieden sind,
scheinon sie nicht, wie es nöthig ist. für die Thätigkeit und
Ausscheidung ein und desselben Fluidums geeignet zu sein.
Wir glauben also, dass das electrische Fluidum durch die
eine Kraft des Gehirns bereitet und wahrscheinlich aus dem
Blute entwickelt wird , und in die Nerven geht und innen
durch sie fliesst, mögen sie hohl und leer sein, oder, was
wahrscheinlicher ist, eine sehr flüchtige Lymphe oder ein
anderes ähnliches sehr flüchtiges Fluidum, welches, wie die
meisten meinen , von der liindensubstanz des Gehirns abge-
schieden wird, enthalten. Wenn das der Fall ist, wird viel-
leicht die geheimnissvolle und bisher lange vergeblich erforschte
Natur der Thierseele ihrem Dunkel entzogen werden. Wie
dem aber auch sei, so wird deren Electricität in Zukunft nach •
unseren Versuchen, wie ich meine, sicher niemand mehr in
Zweifel ziehen. Wenn wir auch dieselbe durch Ueberlegung
und zahlreiche Beobachtungen geleitet, vielleicht zuerst vor
unser öffentliches anatomisches Theater gebracht haben, wäh-
rend schon früher viele sehr berühmte Männer sie angekündigt
hatten, so hätten wir doch nie erwartet, dass uns das Glück
so hold sein würde, uns zuerst zu gestatten, die in den
Nerven verborgene Electricität gleichsam mit Händen zu
greifen , aus den Nerven hervorzuziehen und beinahe vor
Augen zu legen.
Nach diesen Voraussendungen und Ankündigungen wende
ich mich jetzt zunächst zu einer Erklärung der Muskelcon-
tractionen, [403] welche in unseren Experimenten auftreten,
um dann das vorzubringen, was sich auf die natürlichen
willkürlichen wie unwillkürlichen und krankhaften Bewegungen
bezieht, damit ein Weg für die Ausnützung unserer Beobach-
tungen eröffnet wird und man ohne weiteres von den Thieren
und vor allem den warmblütigen diese unsere Beobachtungen,
wie wir nicht grundlos glauben , auf den Menschen über-
tragen könne.
Es wird aus den vorgeführton Experimenten leicht ent-
nommen, dass es das schnelle, heftige Ansströmen des elec-
trischen Nervenfluidums durch die Muskeln nach den Ner-
ven ist. welches die Muskelcontractionen und Bewegungon
vor allem erregt.
Auf welche Weise der Austritt einer solchen Electricität
die Contractionen herbeiführt, ob sie durch eine mechanische
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Ueber die Kräfte der Electricität bei der Muskelbewegung. 55
Heizung, wie mit einem Stachel, die Nerven oder die Muskel-
faser reizt, und wie man sagt ihre Empfindlichkeit erregt,
oder ob sie nach Art und Weise des gewöhnlichen electrischen
Dunstes 12 ) eine eigenthiimliche , heftige Anziehung zwischen
den Theilchen, welche die Muskelfaser zusammensetzen, durch
ihren sehr schnellen Anstritt aus derselben bewirkt, so dass,
indem sich jene gegenseitig näher rücken, die Faser kürzer
wird, oder ob es auf eine andere wahrscheinlichere noch nicht
bekannte Weise geschieht, das ist noch allzuschwer zu er-
kennen und noch zu sehr in Dunkel gehüllt. Andere Ge-
sichtspunkte und andere Versuche werden vielleicht einst
einiges Licht hinein bringen. Aber die nächstliegende Frage,
auf welche Weise und aus welchen Gründen ein solcher Aus-
tritt der Electricität von den Muskeln zu den Nerven in den
erwähnten Versuchen stattfindet, wird leicht nach der oben
aufgestellten Hypothese zu beantworten sein. Ich möchte aus-
drücklich betonen, dass es zwei Dinge giebt, die zur Erregung
der bisher besprochenen Muskelcontractionen im höchsten
Grade beitragen. Zuerst nämlich etwas, was das electrische
Nervenfluidum von dem Muskel zum Nerven hin lockt und es
zum Austritt reizt, dann etwas, was dasselbe, wenn es aus den
Nerven austritt, in sich aufnimmt und entweder den Muskeln
zuführt und gleichsam wieder ersetzt, oder anderswohin ent-
führt oder zerstreut. Sobald eine von diesen Bedingungen
nicht erfüllt ist, bleiben auch die Contractionen aus.
Was aber das electrische Nervenfluidum von den Mus-
keln zu den Nerven lockt, gleichsam hinstüsst, scheint durchaus
klar, nämlich das plötzlich aufgehobene Gleichgewicht zwischen
der inneren Muskel- und Nervenelectricität und der äusseren
Electricität der am besten [404] mit den Nerven verbundenen
Körper; ausserdem wirkt die Heizung eben dieser Nerven,
ferner die Berührung eines Körpers, am besten eines leiten-
den, mit eben diesen Nerven selbst oder mit leitenden Kör-
pern, welche mit eben diesen Nerven communiciren, schliess-
lich eine Bewegung der Nervensubstanz oder eine Art ganz
leichter Reibung, wie denn auch durch eine einfache Er-
schütterung der Platte, auf der das Thier liegt, die Contrac-
tionen erregt werden. Offenbar können derartige Reizungen
theils dem gestörten Gleichgewicht, theils einer Art Impuls,
sei derselbe auch noch so gering, zugeschrieben werden.
Das aber aus diesen Gründen zum Nerven fliessende
electrische Fluidum wird von jedem leitenden Körper auf-
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56
Aloisius Galvanl.
genommen und von den Nerven zu den Muskeln gebracht
werden, wenn er von jenen zu diesen nach Art des elec-
trischen Bogens geführt wird ; er wird es aber anderswohin
führen, wenn er nur mit den Nerven oder mit Körpern, die
die Nerven berühren , in Verbindung steht und eine gewisse
Grösse hat.
Nach diesen Bemerkungen und Feststellungen gehe ich
nun zur Erklärung der Muskelbewegungen, welche wir be-
obachtet haben, über und zwar zuerst jener, welche beim Ueber-
springen des Funkens erhalten wurden.
Beim Ueberspringen des Funkens wird die Electricität
entladen, sowohl aus den den Conductor der Maschine um-
gebenden Luftschichten, wie den mit eben diesen Schichten
communicirenden Nervenconductoren , deswegen wird ihre
Electricität negativ. Daher geht die innere positive Electrici-
tät der Muskeln , sowohl in Folge ihrer eigenen Kraft als
auch weil sie durch die äussere künstliche oder natürliche Elec-
tricität geweckt wird, zu den Nerven über, um von den Conduc-
toren aufgenommen und durch sie sich verbreitend jene, so-
wohl in ihnen, als in den kurz vorher erwähnten Luftschichten
verschwundene Electricität zu ersetzen und mit derselben das
Gleichgewicht herzustellen , ebenso wie bei der Leydener
Flasche die positive Electricität der inneren Belegung aus dem-
selben Grunde beim Funkenziehen reichlicher zu ihrem Con-
ductor abfliesst und von ihm weggeht, wie die Erscheinung des
electrisclien Büschellichtes offen darthut.
Daraus ersieht man natürlich unschwer, dass es Zweck
und Nutzeu der Conductoren ist Electricität aufzunehmen und
in die Nerven zu übertragen, und dass sie in bestimmtem
Verhältniss zu den Muskelcontractionen stehen. 13 )
Aehnlich scheint die Ursache und der Grund der Mus-
kelcontractionen zu sein, welche bei den in unser gläsernes
Maschinchen geschlossenen Thieren beim Ueberspringen des
Funkens erhalten werden. Die innere Electricität der Muskeln
‘405] scheint zur inneren Fläche des Glases durch die Ner-
ven und ihre Conductoren nach dem Gesetze des Gleichge-
wichts zu fliessen , so dass so viel Electricität zur inneren
Fläche des Glases fliesst, als durch das Ueberspringen des
Funkens von der äusseren weggerissen worden ist.
Dasselbe scheint auch der Grund und die Ursache der
Erscheinung bei den Contractionen zu sein, welche auftreten,
wenn die Conductoren der präparirten Thiere die äussere Bele-
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lieber die Kräfte der Electricität bei der Muskelbewegung. 57
gung der Leydener Flasche berühren oder sich ihr nähern,
während der Funken dem Conductor der inneren Belegung ent-
lockt wird.
So klar und deutlich wird diese Erscheinung durch das
Gesetz der Belegungen und des Gleichgewichts erklärt, dass
ich dem nicht widersprechen würde, der von eben diesem
Gesetz auch jene Contractionen herleiten möchte, welche beim
Funkenziehen aus dem Conductor der Electrisirmaschine auf-
treten, und der in den Luftschichten, welche diesen Conductor
umgeben, gleichsam eine doppelte Belegung erblicken möchte,
eine innere in Bezug auf den Conductor und eine äussere in
Bezug auf das Thier.
Ob nun die Erscheinung auf diese oder jene oder eine
andere noch nicht bekannte Weise vor sich gehe, so wird doch
niemand zweifeln, dass die Ursachen und Gründe bei jenen Con-
tractionen, welche, wie wir erwähnten, beim Gewitterhimmel
zu stände kommen, dieselben seien. Denn das, was in jenen
Luftschichten geschieht, welche die Electrisirmaschine umgeben,
scheint beim Ueberspringen des Funkens in den die elec-
trischen Wolken umgebenden Luftschichten vor sich zu gehen.
Ferner sieht jedermann, dass man den Ursprung jener
Contractionen , welche wir bei der Annäherung geriebenen
Siegellacks an die Nerven auftreten, bei der Annäherung gerie-
benen Glases aber ausbleiben sahen, leicht aus dem Gesetze
des Gleichgewichts zwischen der positiven Electricität der
Muskeln und der negativen des Siegellacks herleiten könne. ,;| )
Ebenso erkläre sich auch aus dem Gesetze des Gleichgewichts
jene Contractionen , welche auftreten , wenn der Deckel des
Electrophors von seinem Ilarzkuclien abgehoben wird.
Jetzt wende ich mich zu den Contractionen, welche durch
den Bogen oder die Berührung leitender Körper mit den Ner-
ven oder durch Reizung eben dieser Nerven oder auf andere
Weisen, die wir oben erwähnt haben, erregt werden. In Be-
treff dieses wird Jedermann, der die Beschaffenheit der thie-
rischen Electricität, wie wir sie besprochen haben, überlegt,
leicht einsehen , wie geschickt und angemessen jene Kunst-
griffe sind, die innere positive Electricität der Muskeln den
Nerven zuzuführen und auf den äusseren, [406] wie wir an-
nahmen , negativ electrischen Theil der Muskeln zu über-
tragen.
Dies aber einmal zugegeben, kann noch gefragt werden,
wie es kommt, dass, wenn der Nerv, wie es zuweilen geschah,
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Aloisius Galvani.
wenn er belegt war , entweder von irgend einem nicht
leitenden Körper nur berührt oder mit demselben oder, wenn
man lieber will, durch künstliche Electricität gereizt wurde,
nichtsdestoweniger Contractionen auftraten.
Denn dann ist zwar die Berührung und der Anstoss
vorhanden, welcher, wenn er auch gering ist, das electrische
Nervenfluidum auf die Aussenseite des Nerven hintreiben
möchte ; der Körper aber, welcher eben dieses Fluidum auf-
nimmt und einem anderen des Gleichgewichts wegen zufflhrt
oder es vielmehr den Muskeln wieder zustellt, scheint gänz-
lich zu fehlen.
Nach der Erklärung dieser genau erforschten Erschei-
nungen und der Betrachtung über das Wesen und die Eigen-
thümlickkeit des electrischen Nervenfluidums, wonach dasselbe
nur durch leitende Körper einen freien Zutritt und einen für
sich bereiteten Weg zu finden und von den Nerven schleunigst
zu den Muskeln zu eilen pflegt, wird man vielleicht einsehen,
dass auch hier ein leitender Körper, welcher gleichsam als
Bogen dient, nicht fehlt, sofern nämlich die äusseren feuch-
ten und flüssigen Theile der Nerven oder besser ihre fetten
und harten Häute oder beide dazu dienen können. Aus
diesem Grande vielleicht werden, wenn der Schädel geöffnet
ist und das Gehirn blossliegt, ebenso, wenn das Kückenmark
aus seinem Vertebralrohr herausgezogen und blossgelegt ist,
keine Muskelcontractionen, wie wir erwähnten, erregt, es sei
denn, dass der Bogen jene Theile berühre. Sie werden aber
erregt, wenn sie mit einer Metallfolie versehen werden,
welche die Stelle der fehlenden Haut mehr als genügend er-
setzt. Anders aber verhielt es sich, wie wir erwähnt haben,
bei den Nerven, welche die Natur ausserhalb des Gehirns in
fette Häute gehüllt hat, und die stets mit Erfolg mit einer
Metallfolie versehen werden, wenn solches auch nicht durch-
aus nothwendig ist. Wenn man die Metallfolie , in die wir
die Nerven zu hüllen pflegten, gleichsam als einen Theil des
Bogens betrachtet, und sich ins Gedächtniss ruft, was wir
über die Nützlichkeit des Bogens aus verschiedenem Stoff in
Hinsicht auf die Verstärkung der Contractionen gesagt haben,
wird man die meisten Contractionen, welche nur durch Be-
rührung einzutreten schienen , wohl auch von dem Bogen
erwarten, welchen theils die Metallfolie, theils in gewissem Sinne
die schon erwähnten leitenden Nervensubstanzen bilden werden.
Wenn dies aber zugegeben wird, dürfte sich vielleicht
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Ueber die Kräfte der Electricität bei der Muskelbewcgung. 59
eine Möglichkeit zur Erklärung der Muskelbewegungen finden,
welche bei den lebenden Thieren sich vollziehen, und die
wir jetzt betrachten wollen. Bei den willkürlichen Bewegungen
wird vielleicht die Seele mit ihrer wunderbaren Kraft [407]
auf das Gehirn, was das Nächstliegende ist, oder ausserhalb
desselben auf einen beliebigen Nerven, einen gewissen Impuls
ausüben, wodurch das electrische Nervenfluidnm von dem ent-
sprechenden Mnskel schleunigst nach dem Theile des Nerven
fliegst, zu dem es durch den Beiz gezogen wird, wo es, wenn
es angelangt ist, nachdem der nichtleitende Theil der Ner-
vensubstanz durch die dann vermehrten Kräfte überwunden
ist, und es aus ihm ausgetreten ist, entweder von der äusseren
Feuchtigkeit des Nerven oder von den Häuten oder von anderen
angrenzenden, leitenden Theilen aufgenommen und durch die-
selben gleichwie durch den Bogen dem Muskel, von dem es
ausgegangen ist, wieder zugestellt werden wird, so dass nach
dem Gesetze des Gleichgewichts zum negativ electrischen
Theile der Muskelfasern eben nur die Menge zufliesst, welche
vom positiv electrischen Theile derselben durch den Anstoss
im Nerven, wie angenommen wurde, ausgeflossen ist. Ganz
ähnlich, ja weniger schwierig, wenn ich recht urtheile, werden
die unwillkürlichen und nicht naturgemässen Bewegungen sich
erklären lassen, nämlich die durch schmerzhafte und reizend
wirkende Stoffe hervorgerufenen oder solche, die die Nerven,
das Bückenmark oder das Gehirn reizen und gleichsam das
Nervenfluidum herbeiziehen, damit es von den leitenden Kör-
pern aufgenommen und wie durch den Bogen dem Mnskel
wieder zugeführt werde.
Aber je nach der Kraft und Fähigkeit scharfer Flüssig-
keiten zu reizen und zu leiten , wird es auch verschiedene
Contractionen geben, ebenso je nach den Stellen, welche eben
diese in den Nerventheilen einnehmen werden.
Es ist nämlich leicht einznsehen, dass solche Flüssig-
keiten, sobald sie aus den Gefässen zwischen die Häute der
Nervensubstanz geflossen sind und unter ihren Hüllen sitzen,
heftigere und längere Contractionen verursachen müssen, weil
dann nämlich die ausgeflossenen und stagnirenden, scharfen
Flüssigkeiten nicht nur den Nerven heftiger reizen, sondern
auch in geeigneterer Weise eine Art Belegung und Bogen
abgeben werden. Bei schweren rheumatischen Affectionen
und vor allem bei Ischias, wobei wie Cotunio meint, die Flüs-
sigkeit zwischen der Scheide nnd der Oberfläche des Nerven
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Aloisius Galvani.
stockt, pflegen daher nicht nur heftige Schmerzen, sondern
auch sehr schwere und dauernde Muskelcontractionen des
kranken Gliedes aufzutreten, so dass das Organ oft lange oder
bleibend im Contractionszustande sich befindet.
Daher kommen vielleicht auch die so heftigen, so an-
dauernden, so leicht und in so kurzen Intervallen wieder-
kehrenden und meist tödtlichen Contractionen und Krampf-
ersclieinungen der Muskeln, [408 5 sobald scharfe und krank-
hafte Flüssigkeiten zwischen dem Gehirn und der Pia mater
oder zwischen der Pia mater und der Dura mater oder
zwischen den Ventrikeln des Gehirns oder zwischen der Ober-
fläche nnd der Scheide des Rückenmarks oder der Nerven
stagniren, wie es meist bei dem Starrkrampf vorkommt, einer
Krankheit, bei der wunderbarer Weise fast alle Muskeln in
die schwersten tonischen Contractionen verfallen , mag auch
zuweilen nur ein Nerv von denselben ergriffen sein, wie bei
dem Tetanus, welcher manchmal bei einem Stich in den
Nerven vorkommt; endlich gerathen die Muskeln von selbst
in diese Contractionen, dann aber nur mit einem leichten
Zittern und einer Erschütterung des Bettes oder der Fläche,
auf welcher das Lager des Kranken ruht. Etwas ähnliches
aber, haben wir schon gesehen, geht bei den präparirten
und mit Belegungen versehenen Thieren vor, bei welchen der
Bogen nur an einem Schenkelnerv angelegt wird , und alle
Muskeln nicht nur eines, sondern beider Beine in tonische
Contractionen verfallen; und dies geschieht auch wiederholt
von selbst, nur mit einem Zittern und einer Erschütterung
der Platte, auf welcher die Thiere liegen; deswegen scheinen
diese unsere Versuche wenn auch nicht die Ursache, so doch
die Eigenthümlichkeit dieser Krankheit und ihrer Symptome
aufgedeckt und den Aerzten einen genügenden Anhalt ge-
schaffen zu haben.
Nach diesen Aufstellungen und Erwägungen sowohl über
die ruhigen und natürlichen, wie auch über die heftigeren
und krankhaften Muskelcontractionen war es leicht, eine neue
Ursache und Erklärung der entgegengesetzten Gebrechen,
der Paralyse u. s. w. zu finden, nämlich die schon erwähnte
Hemmung des Kreislaufs des electrischen Nerveufluidums von
dem Muskel zum Nerven oder vom Nerven zum Muskel.
Zunächst würde das eintreten, wenn eine ölige oder
anderswie nicht leitende Substanz im Innern des Nerven sitzt,
ferner wenn ein ähnlicher Stoff die äussere Feuchtigkeit des
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Ueber die Kräfte der Electricität bei der Muskelbcwegung. 61
Nerven oder die Häute selbst oder irgend welche andero Theile,
durch die das besagte nervenelectrische Fluidum seinen Kreis-
lauf vollendet, durchdrungen hat. Beides aber geschieht,
wenn durch schmerzverursachende, zernagende Stoffe der
Ausfluss und die Ansammlung eben dieser Materie erregt
wird und die Substanz und da3 Gewebe der Nerven und des
Gehirns verletzt wird. Wenn auch dies vielleicht scheinbar
für diejenigen Paralysen und Apoplexien, welche langsam und
nach und nach die Kranken befallen, einen Anschein von
Wahrheit haben kann, so scheint doch für jene, welche
momentan die Kranken ergreifen, eine ganz andere Ursache
der Erscheinung angegeben werden zu müssen.
Als ich dies und ähnliches im Geiste erw'og, fiel mir
nicht nur für die Apoplexie, ,409] sondern auch für die
Epilepsie ein neuer Erklärungsgrund ein , hauptsächlich in
Analogie einer bei Anwendung von künstlicher Electricität bei
Thieren oft beobachteten Erscheinung.
Wie nämlich die künstliche Electricität, wenn sie gerade
gegen das Gehirn oder die Nerven oder gegen das Kücken-
mark z. B. mit Hilfe des Conductors der Leydener Flasche
gelenkt wird, falls sie mit einer gewissen Menge und Wucht
auf diese Theile stürzt , dieselben reizt und die Thiere in
heftige Krämpfe versetzt, wenn sie aber in weit grösserer
Menge die Substanz derselben verletzt und heftig erschüttert,
diese Thiere paralytisch und apoplectisch macht, oder, wenn
sie allzu heftig war, tödtet, so ahnte ich auch, dass die thierische
Electricität in dem Menschen ähnliches leisten könnte vor
allem , wenn sie so wie die gewöhnliche Electricität zu tliun
pflegt, jene sehr flüchtigen Steife mit sich fort reisst und
rasch mit sich vereinigt, so dass dadurch ihr eine weit
grössere Kraft verliehen wird. Dahin gehören alle soge-
nannten scharfen Stotfe, welcher Art sie auch seien. Ferner
meinte ich, dass die so verunreinigte thierische Electricität,
welche von den Muskeln oder anderen Theilen nach dem Ge-
hirn durch die Nerven eilt und in jenes hineinstürzt, bald
Epilepsie bald Apoplexie herbeiführen könnte, je nachdem
ihre Wucht und ihr Anprall gegen die Substanz des Gehirns
und der Nerven grösser oder kleiner und ihre Verunreinigung
schwerer oder leichter ist. Es scheint nämlich von der
Menge und Beschaffenheit der in dem Gehirn stagnirenden
schädlichen Flüssigkeiten, welche das Gehirn oder die Nerven
stacheln und reizen, ein heftiger Ausfluss und Anprall der
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Aloisius Galvani.
Thierelectricität durch die Nerven gegen das Gehirn herbei-
gefiihrt werden zu können, oder schliesslich um anderes zu
übergehen, es könnte dasselbe durch eine plötzliche, gewaltige
Veränderung in der atmosphärischen Electricität entstehen,
vor allem, wenn plötzlich ihre Umkehr von der positiven zur
negativen eintritt, vielleicht der nicht unähnlich, welche nach
unserer Anschauung in Luftschichten vor sich geht, welche den
Conductor der Electrisirmaschine wie auch die electrische Wolke
umgeben, beim Ueberspringen des Funkens oder beim Blitzen.
Im Hinblick auf diese bisher überlegten Ursachen, meinte
ich, wird jeder einsehen, wie heftig, rasch und leicht die Kräfte
wirksam werden können, wenn scharfe und reizende Materien
in das Gehirn oder die Nerven eingedrungen sind. Man wird
nämlich in dem ersteren Falle jene Krankheiten als idiopathische,
in dem letzteren als sympathische bezeichnen können. Ausser-
dem aber werden solche Krankheiten auch weit schlimmer sein
und leichter ausbrechen, wenn die thierische Electricität [410]
und ihre Verunreinigung in dem Körper, den Muskel- und
Nerventheilen im Ueberfluss vorhanden ist. Daher erwog ich
bei mir, dass solche Krankheiten vor allem bei Greisen ver-
heerend auftreten müssten, weil bei ihnen wegen des Mangels
an Anstrengungen und Leibesübungen wie auch wegen der im
Greisenalter eintretenden Vertrocknung der Körpertheile und
Verdichtung der öligen Substanz der Nerven, schliesslich auch
wegen der verminderten fast unmerkbaren Athmung, welche
sonst eine Menge Electricität und scharfe, sehr flüchtige Stoffe
aus dem Körper herausschafft, eine allzu reiche Menge thieri-
scher und verdorbener Electricität angehäuft zu werden schien.
So vermuthete ich auch, dass aus eben demselben Grunde diese
bedenklichen Krankheiten vor allem bei schweren Gewittern
am Himmel und bei drohendem Witterungsumschlag, wobei
gewöhnlich eine grössere Menge Electricität in der Atmo-
sphäre vorhanden ist, oder etwas später wüthen. Denn dann
wurde auch in den Thieren die Electricität stärker befunden,
wie es das häufigere und raschere Auftreten der öfter erwähn-
ten Contractionen deutlich zu bezeichnen schien. Aus diesen
nnd anderen Gründen schien die übermässig vermehrte und
verdorbene thierische Electricität mit solcher Kraft und Wucht
momentan auf die Gehirnsubstanz stürzen zu können, dass sie
deren Structur in demselben Augenblick heftig verletzt und
die Gefässe zerreisst, worauf leicht dauernde Paralysen folgen,
und dass Flüssigkeiten ansfliessen und ausgeflossen und stag-
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Ueber die Kräfte der Electricität bei der Muskelbewegung. 63
nirend, wie es oft geschieht, bei den Sectionen der Leichen
gefunden werden. Dieses und ähnliches kam uns in Betreff
der Ursache dieser Krankheiten und ihrer Entstehungsweise
in den Sinn. Zugleich aber sah ich ein, dass solche Hypo-
thesen bei vielen Gelehrten auf viele, sehr grosse Schwierig-
keiten und vielleicht auf ihren Tadel aus vielen Gründen
stossen könnten, besonders weil sie der gewöhnlich gelehrten
Ansicht entgegen sind, dass die Muskelbewegung durch einen
Ausfluss des Nervenfluidums vom Gehirn zu den muskulösen
Theilen bewirkt werde, nicht durch ein Fliessen von den
letzteren zu den ersteren.
Wenn man sich unter anderem aber vergegenwärtigt, wie
so zu sagen jenes Gas, welches von den untern Gliedern,
dem Magen oder dem Unterleib zum Gehirn leicht aufsteigen
kann, wie es die Epileptiker sehr oft empfinden und in dem
Momente klagen, wo sie in Krämpfe verfallen, und wenn man
schliesslich in Erwägung zieht, dass der Fortgang einer solchen
Krankheit zuweilen gehindert werden kann, wenn eine Schlinge
um das Bein gelegt wird, welche dem aufsteigenden Gas ge-
wissermaassen den Weg sperrt und abschliesst, wenn einer
sage ich auf dieses Alles und auf unsere Versuche das Augen-
merk richtet, wird er es uns leicht verzeihen, dass [411] wir
uns zu diesen Deutungen verstiegen haben. Das alles aber
habe ich , wie gesagt , zu dem Zweck erdacht , dass es von
grossen Gelehrten erwogen werde.
Wenn die vorgeschlagene Erklärung sowohl der natür-
lichen, als auch der krankhaften Contractionen und der Para-
lyse angenommen wird und als durch das Wesen der thierischen
Electricität, wie durch Versuche festgestellt ist, bedingt er-
scheint, so erübrigt noch einiges Uber die Verhütung solcher
Schäden zu berühren. Und vor allem scheint das aus unseren
Versuchen erschlossen werden zu können, dass, welches Mittel
auch immer zur Beseitigung solcher Krankheiten herbeigezogen
werden mag, ja selbst bei äusserlich angewendeter Electricität,
es stets, wenn es zum Heile gereichen soll, vor allem auf die
thierische Electricität seine Gewalt ausüben muss und dieselbe
und ihren Kreislauf steigern oder vermindern oder auf eine
andere Art und Weise ändern muss. Deshalb soll sich der
Arzt die Electricität und ihren Zustand bei der Behandlung
vor allem vor Augen halten. Indem ich daher die übrigen
Heilmittel übergehe, deren Wirkung auf die thierische Electri-
cität eine sehr sorgfältige Forschung und die Erfahrung im
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64
Aloisius Galvani.
Laufe der Zeit darlegen wird, wende icli mich sogleich zur
Anwendung der äusseren Electricität ; und damit dadurch die
Sache deutlicher klargelegt wird, werde ich zuerst ihre Wir-
kung bei den Krämpfen und bei den rheumatischen Muskel-
contractionen und dann bei der Paralyse betrachten.
Vor allem kommt nach meiner Ansicht eine dreifache
Art der Anwendung der künstlichen Electricität auf den
menschlichen Körper in Betracht, die eine nämlich, welche
gewissermaassen momentan genannt werden kann und un-
mittelbar ihre Wirkung auf die einzelnen ihr unterworfenen
Theile des menschlichen Körpers übt, wie z. B. wenn es sich
um den electrischen Funken handelt und vor allem um die
blitzartige Electricität bei der Entladung der Leydener Flasche ;
die zweite, bei der die Electricität nicht unmittelbar, sondern
erst allmählich und mit der Zeit in Thätigkeit tritt, vielleicht
vereinigt und, fast möchte ich mit den Chemikern sagen,
verbunden mit den flüssigen Theilen des thierischen Körpers,
wie jene Electricität, die neuere Physiker das elektrische Bad
nennen ; die letzte schliesslich, welche die Electricität aus dem
Thier wegnimmt, während sogenannte negative Electricität
angewendet wird. 15 )
Diese einzelnen Möglichkeiten wollen wir mit Bezug auf
die erwähnten Krankheiten in Kürze betrachten. Was die
Muskelkrämpfe betrifft, so sieht jeder leicht, dass nach unserer
Hypothese dieselben meist von überreichlicher und verdorbener
Electricität in den Muskeln des Thieres abhängen, welche
durch die geringsten Ursachen [412] von den Muskeln zu
den Nerven und nach dem Gehirn geleitet wird , oder von
meist scharfen und reizenden Stoffen, welche das Gehirn oder
die Nerven beschädigen, oder, wie es oft Vorkommen mag,
von beiden Ursachen.
Wenn nun zunächst die sogenannte positive Electricität
kaum und nicht einmal kaum Nutzen, ja sogar sehr viel
Schaden bringen zu können scheint, wie man sie auch anwendet,
so wird die negative offenbar beträchtlich nützen.
Im umgekehrten Falle wird sich der Arzt von der posi-
tiven Electricität etwas Nutzen versprechen dürfen, wenn
diese künstlich zu den leidenden Nerven geleitet wird. Denn
sie wird die scharfen Stoffe durch ihre Kraft von den Ner-
ven zurücktreiben und entfernen können.
Deswegen werden die Verschiedenheiten der Krämpfe und
ihre Ursachen von dem Arzte genau beobachtet und erforscht
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Ueber die Kräfte der Electricität bei der Musfcclb6Wegi»g 65
werden müssen, und obgleich vielleicht oft beide Ursachen
vorhanden sind, muss doch eifrig zugesehen werden, welche
von ihnen das Uebergewicht hat, weil trotz aller Schwierig-
keiten doch nicht jede Hoffnung aufgegeben • werden darf,
schliesslich einmal ans Ziel zu gelangen. Denn es werden
z. B. die Anzeichen eines Ueberflusses an Electricität nicht
ohne Bedeutung sein können : von einer vorhandenen oder
kurz vorausgegangenen Anhäufung der Electricität in der
Atmosphäre haben ja unsere Experimente bewiesen, wie sehr
sie die Kräfte der thierischen Electricität steigert. Eine solche
Ansammlung kann man aber durch die Anwendung der atmo-
sphärischen Electrometer ermitteln und erkennen, und vor
allem durch die. Betrachtung der Wolken, aus der Jahreszeit,
aus den Gewittern am Himmel, aus den Arten der Winde,
den Phasen des Mondes und anderen von sehr berühmten
Physikern, vor allem von Bartoloni und Gardini, ange-
gebenen Merkmalen. Ferner wird uns eine gewisse unge-
wohnte Lebhaftigkeit und Raschheit der Bewegungen, beson-
ders der Augen, verbunden mit sehr grosser Veränderlichkeit
und Unstetheit, wenn sie von keiner anderen erkennbaren
Ursache abhängt, eine Ansammlung von Electricität verrathen
können.
Vielleicht werden auch jene Veränderungen, welche
künstliche Electricität bei uns herbeizuführen pflegt, Anhalts-
punkte darbieten : Nämlich eine ungewöhnliche Wärme, ver-
mehrte Absonderungen und Ausscheidungen der Excremente,
des Urins, des Speichels, des Schweisses, geringe Verdunstung,
die Schnelligkeit , Grösse und das Schwanken des Pulses,
ferner der Genuss von Nahrungsmitteln, in denen idioelec-
trische Stoffe enthalten sind, wie aromatische, ölige und
spirituöse Flüssigkeiten, namentlich sobald für diese Verän-
derungen keine anderen Ursachen zu ermitteln sind. Sicher
pflegt dies meist allen schwereren [413] Krämpfen voranzu-
gehen, wie auch anderen Nervenaffectionen, als der Epilepsie,
der Tobsucht und ähnlichen.
Das Gegentheil aber wird uns deutlich an die negative
oder fehlende Electricität gemahnen können. Die Anzeichon
der schlechten und der verunreinigten Electricität, wenn sie
vorhanden sind, werden vielleicht durch das Missbehagen des
Kranken selbst und durch die Symptome der Krankheiten,
welche den Aerzten die Macht und Herrschaft der scharfen
Stoffe zu verrathen pflegen, offenbar.
Ostwald’s Klassiker. 52. 5
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66
Aloisius Galvani.
Es möge aber genügen dies berührt zu haben, um einen
Weg zur Erforschung und Diagnose des verschiedenen Zu-
standes der thierischen Electricität anzubahnen.
Da die rheumatischen Muskelcontractionen meist von einer
scharfen und reizenden Materie, welche sich in den Nerven
festgesetzt hat, ihren Ursprung herleiten, so liegt es nahe zu
vermuthen, dass bei ihnen vielleicht die einzelnen Methoden
der Anwendung der positiven Electricität von Nutzen sein
können, jedoch in der Reihenfolge nnd Weise, dass zuerst
jene Methode versucht wird, welche man das electrische Bad
nennt , und zwar gegen die übermässige Ansammlung der
Electricitäten in den Muskeln, dann wird die durch Funken,
und schliesslich die durch Erschütterung angewendet, damit
nämlich durch die zurückdrängende und mechanische Kraft
der Electricität zunächst die stagnirenden Flüssigkeiten ver-
mindert und dann leichter von den afficirten Theilen durch
einen stärkeren Stoss entfernt würden.
Nicht wenig wird aus demselben Grunde auch die negative
Electricität nützen, welche am besten an den afficirten Theilen
selbst nach unserer Methode angewendet wird, nämlich unter
Hervorrufung des Funkens aus dem Conductor der Maschine
oder der Leydener Flasche, besonders wenn der leidende
Theil des Körpers mit Conductoren versehen wird , von
denen die einen gegen die Maschine gerichtet sind, die anderen
mit der Erde in Verbindung stehen. Diese Methode nun
wird vielleicht brauchbarer gemacht werden können , wenn
grosse Leydener Flaschen oder wenn viele mit ein und dem-
selben Conductor verbunden oder wenn grössere Electrisir-
maschinen angewendet werden, wie man sie in unserer Zeit
ohne Schwierigkeit baut, oder noch besser, wenn eine Methode
erfunden wird, durch welche man die thierische Electricität
von bestimmten Muskeln zu bestimmten Nerven leiten und
treiben könnte. Denn nach dem, was wir vorgebracht haben,
entgeht es niemandem, dass durch solches Verfahren ein hef-
tiger Ausfluss der Electricität vor allem durch die kranken
Nerven erregt wird, ein sehr geeignetes Mittel, wie es scheint,
die stagnirenden und in die Nerven eingezwängten Stoffe zu
zertheilen, zu lösen und von den Nerven selbst [414] weg-
zutreiben. Daher bringen Muskelbewegungen, welche durch
deu Ausfluss der Electricität aus den Muskeln zu den Nerven
entstehen, oft Heilung und Linderung bei rheumatischen Er-
krankungen, und um so mehr, je heftiger die kranken Glieder,
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Ueber die Kräfte der Electricität bei der Muskelbewegung. 67
wenn auch mit einiger Unbequemlichkeit und Schmerz, be-
wegt werden.
Wenn nun diese meine Methode der Anwendung der ne-
gativen Electricität bei diesen oder anderen Krankheiten einiger-
maassen günstige Resultate zeigt, ein wie viel besseres Heil-
mittel werden wir uns da von der atmosphärischen Electri-
cität versprechen dürfen, wenn z. B. beim Wüthen des Donners
und Blitzes die kranken Theile mit ihren Conductoren, wie
wir solches bei der künstlichen erwähnten, vorsichtig und ver-
ständig versehen werden. Vielleicht war dieses die Ursache,
warum seit der Kindheit zusammengezogene oder durch Krank-
heiten paralytische Glieder ihre natürliche Biegsamkeit, Kraft
und Bewegungsfähigkeit, wie Bartoloni erzählt, wiedererlang-
teu, nachdem nicht woit von dem Kranken der Blitz einge-
schlagen hatte.
Was aber die Behandlung der Paralyse betrifft, so
scheint mir diese Angelegenheit voll von Schwierigkeiten und
Gefahr, denn es ist schwer zu diagnosticiren, ob die Krank-
heit von einer Verletzung der Nerven- oder Gehirnstructur
herrührt oder von isolirender Materie, welche in den inneren
Theilen des Nerven sich befindet, während wie wir meinten
durch letzteren der Kreislauf der Electricität sich vollziehe.
Im ersten Fall kann die künstliche Electricität, wie sie auch
angewendet wird , wenig nützen , vielleicht viel schaden , im
zweiten scheint sie zur Zertheilung der nichtleitenden Materie
und Vermehrung der Kräfte der thierischen Electricität etwas
nützen zu können.
Die ganze Frage aber wird vielleicht einst Uebung und
Erfahrung aufklären.
Nun wollen wir zum Schluss noch einige nicht unwichtige
Folgerungen aus unseren Versuchen berühren.
Nach dem Vorhergehenden scheint festzustehen, dass die
künstliche und atmosphärische Electricität eine weit grössere
Macht über die Muskeln und Nerven ausilbt , als früher be-
kannt war, und dass von ihr eine solche Wirkung auf die
thierische Electricität ausgeht, dass sie die letztere zur Be-
wegung, sowohl ihren Austritt aus den Muskeln als auch
ihren schnellen Kreislauf durch die Nerven anregen kann, wie
unsere Versncko das dargethan haben.
Durch diese Erkenntnisse kann vielleicht der Weg mehr
als bisher [4151 gebahnt sein zur Entdeckung neuer Anwen-
dungen der Electricität und zu besseren Methoden und zur
5*
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I
68
Aloislus Galvani.
Aufdeckung von Gründen der Uebereinstimmnng mit den
Wechselbeziehungen zwischen der atmosphärischen Electricität
und unserem Wohlbefinden und zwischen jenen plötzlichen
Veränderungen und gewissen Krankheiten.
Uebrigens mögen solche Versuche den Gedanken wecken,
dass beim Ueberspringen der Blitze nicht nur die atmosphä-
rische Electricität sich bewege, sondern vielleicht auch die
irdische gen Himmel fliesse. Ob es wohl von dieser Fluth
kommt, dass, wenn sich am Himmel grosse Gewitter zusammen-
gezogen haben , in der atmosphärischen Luft Veränderungen
und Wechselwirkungen entstehen, nicht nur wegen der Stoffe
mancherlei Art, welche sie von den verschiedenen Gegen-
den des Himmels mit sich führen wird, sondern auch wegen
jener, welche sie von der Erde mit sich in die Luft reisst,
wenn das electrische Fluidum die Eigenschaften hat, welche
ihm viele Physiker zugestehen, dass es bei den Körpern, durch
welche es hindurchstreicht, von den leichteren Stoffen die
einen austreibt und zerstreut, die andern aber auch mit sich
reisst und mit sich vereint? Das aber mögen vor allem die
Physiker untersuchen.
Sobald aber eine solche Fluth der irdischen Electricität
in die Atmosphäre stattfindet , wird man ihr sicher einen
grossen und nicht unbedeutenden Antheil an dem beschleu-
nigten und bedeutenden Wachsthum der Pfianzen zusprechen
können, was der berühmte Gardini nach Blitz und Donner
beobachtet hat und mit vollem Recht der mit Dämpfen ge-
sättigten atmosphärischen Electricität zuschrieb. 18 )
Da solche Muskelcontractionen, welche, wie wir erwähnt,
bei den Gewittern des Himmels erhalten wurden, gewiss
ein neues und unzweifelhaftes Merkmal der atmosphärischen
Electricität und ihrer Wirkung auf den thierischen Organis-
mus gewähren, werden ebendieselben zur Aufklärung der Erd-
beben führen, nicht in Hinsicht auf die Ursache derselben, als
vielmehr auf die Wirkungen auf den Organismus, so dass es
deswegen nicht unnütz erscheint, darüber ebenso Versuche an-
zustellen, während Erdbeben wüthen.
Doch genug der Muthmaassungen ; wir kommen zum Schluss.
Dies war es hauptsächlich, was ich an Erfahrung den Ge-
lehrten über die Kräfte der Electricität sowohl der künst-
lichen, als auch der atmosphärischen und Gewitterelectricität,
sowie der in der Muskelbewegung auftretenden natürlichen
Electricität, die der Herrschaft des Geistes unterliegt, mit-
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Ueber die Kräfte der Electricität bei der Muskelbewegung. 69
theilen wollte, damit sie es einst nutzbar machen könnten;
das war unser Hauptwunsch.
Ueber die Kräfte dieser Electricitätsarten bei den natür-
lichen Bewegungen, dem Blutkreislauf und den Ausscheidungen
der Flüssigkeiten wollen wir, sobald als möglich, wenn wir
etwas mehr Zeit haben werden, in einer anderen Schrift Mit-
theilung machen.
Erklärung der Tafeln.
Tafel I. (Seite 5.)
Fig. Q. Der zum Versuch vorbereitete Frosch.
CC Die Schenkel.
BB Sacralnerven , die in die Schenkelnerven sich ver-
zweigen, genannt »crurales interni«.
F MetallAraht , der durch Vertebrallöcher das Rücken-
mark durchbohrt.
G Ein eiserner Cylinder.
M Rückgrat.
Fig. 1. Die Electrisirmaschine.
A Die Scheibe.
B Eiserner Cylinder, mittelst welches die Funken her-
vorgeholt werden.
C Zuleiter.
Fig. 2. CC Die Schenkel
1)B Innere Schenkelnerven.
E Ein durch das Mark F gesteckter Draht.
G Eisencylinder , mit welchem der Eisendraht berührt
wird, während aus dem Conductor der Maschine ein
Funken hervorgelockt wird.
H Glasröhre, mit der der Eisendraht F berührt wird,
während des Funkens.
KK Nervenconductor.
Fig. 3. A Glasflasche, in welche der Frosch gebracht wird.
B Eisendraht, mit dem Haken des Frosches verbunden.
C Ende des aufgehängten Eisendrahtes, an welches der
Draht B herangebracht wird.
B Eine seidene Schlinge.
EEE Eisendraht, mit B verbunden, als Nervenconductor,
und zwar sehr lang.
F Eiserner Haken, zur Befestigung des Eisendrahtes E.
Fig. 4 C Nerven-Conductor.
B .Muskel-Conductor.
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Aloisius Galvani.
70
Fig. 5. Leydener Flasche.
A Jagdschrot in der Flasche.
B Der Conductor der Flasche.
C Die Hand des Mannes, welcher die Funken dem Con-
ductor B entzieht.
Fig. 6. A Eine umgesttilpte Flasche, mit Jagdschrot.
B Eine ähnliche Flasche , in welcher sich sowohl das
Thier befindet, als auch Jagdschrot, den Muskelcon-
ductor vertretend.
Tafel II. (Seite 19.)
Fig. 7. AA Isolirter Eisendraht als Nervenconductor.
BBB Glasröhren, in welchen der Eisendraht behufs Iso-
lation eingeschlossen ist.
V Glasgefäss, zur Aufnahme des wie gewöhnlich präpa-
rirten Frosches
D Eisendraht, als Muskelconductor, dessen eines Ende
die Glieder des Frosches berührt, während das andere
zum Brunnen geleitet wird.
Fig. 8. E Der wie gewöhnlich präparirte Frosch , auf einen mit
Oelfarbe bestrichenen Tisch hingestreckt.
F Nicht isolirter Nervenconductor, der mit einem Ende
in das Rückenmark gesteckt ist, während das andere
an die eisernen Haken in der Mauer befestigt wird.
Tafel III. (Seite 25.)
Fig. 9. A Stanniolblatt über der Wirbelsäule des präparirten
Frosches.
BB Die Thierschenkel.
C Ein anderes Metallblatt aus Messing.
D Ein eherner mit Silberblatt überzogener* Bogen.
F Glasplatte, auf welcher das Thier liegt.
Fig. 10. AA Zwei Bogen, die in den Cylinder B aus Glas oder
Harz gesteckt sind.
C Ein mit dem Rückenmark verbundener Haken.
Fig. 11. Ein präparirter Frosch, dessen eines Bein aufgehängt
wird, während das andere sammt dem mit dem Rück-
grat verbundenen Haken die Fläche der silbernen
Kapsel E berührt.
Fig. 12. FF Zwei Metallbögen, der eine aus Kupfer, der andere
aus Silber.
Fig. 13. G G Metallcond uctoren , von welchen der eine mit der
oberen, der andere mit der unteren Belegung des
magischen Quadrates in Verbindung steht.
II Nerven, die so über den Rand des magischen Qua-
drates hingestreckt sind, dass sie zugleich mit dem
Rückenmark die untere Belegung berühren.
Fig. 14. Eine mit diversen Flüssigkeiten anzufüllende Glasröhre.
Fig. 15. Schenkel, von einander getrennt.
Fig. 16. Schenkel, von einander getrennt, sammt dem in zwei
Theile gespaltenen Rückgrat.
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Ueber die Kräfte der Electricität bei der Muskelbewegung. 7 1
Tafel IV. (Seite 39.)
Fig. 17. Frosch auf einer Glasplatte; das Rückenmark mit einem
Metallblättchen E versehen.
Fig. 18. Frosch auf einer Glasplatte, die an zwei Stellen mit
Metallfolie bedeckt ist.
F Silberblatt.
G Kupferblatt.
Fig. 19. AA Metallischer Bogen.
BB Glasgefässe mit Wasser; in dem einen befinden sich
die Froschschenkel C, in dem anderen die Nerven D.
Fig. 20. A Metallischer Leiter, gestützt auf die untere Belegung
des magischen Quadrates; die Belegung liegt auf den
entblössten Schenkelmnskeln.
B Ein anderer metallischer Leiter, der die obere Be-
legung des magischen Quadrates berührt, über welche
der Schenkelnerv gespannt ist.
CC Freier unbelegter Theil des magischen Quadrates.
Fig. 21. Schenkel vom Hühnchen.
AA Metallischer Bogen.
B Schenkelnerv.
C Stanniolblatt.
1) Die zerschnittenen Muskeln des Oberschenkels.
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Anmerkungen.
Luigi (Aloisius) Galvani war am 9. Septbr. 1737 in
Bologna geboren. Seit 1762 war er Docent der Medicin, seit
1775 Professor der praktischen Anatomie an der Universität
zu Bologna, dann Professor der Anatomie und Gynäkologie
am Istituto di Bologna. Er war verheirathet mit der Tochter
seines Lehrers, des Professors Gallazzi. Seine ersten Stu-
dien bezogen sich auf anatomische Gebiete , er schrieb über
die Nieren der Vögel und über deren Gehörorgane, doch kam
ihm Antonio Scarpa in der Pnblication zuvor, so dass Gal-
vani nur das veröffentlichte, was jenem entgangen war.
Die erste Beobachtung, die Galvani au Froschschenkeln
anstellte, ist im Tagebuche datirt vom 6. November 1780, so
dass volle 1 1 Jahre bis zur Veröffentlichung der berühmten
Abhandlung verstrichen , die wir vorstehend gebracht haben.
Der volle Titel derselben lautet:
» Aloysii Galvani: de viribus electricitatis in moto mus-
culari Commentarius «. —
Die meisten Versuche wurden im Nov. und Dec. 1780
angestellt, sowie in allen Monaten des Jahres 1781, ferner
in einigen Monaten 1782 und 1783; der letzte der ersten
und zweiten Serie datirt vom 14. Febr. 1783. — Man hat
Gründe anzunehmen, dass schon im Sommer 1780 die ersten
Beobachtungen geschahen , jedoch ohne Aufzeichnung im
Tagebuche.
Auch vor 1780 hat Galvani über die Reizung von Frosch-
nerven experimentirt , aber keinmal wird eine andere als
mechanische Reizung erwähnt. Auch hat er schon 1773
einen Vortrag über »Muskelbewegung« gehalten (sul moto
muscolare nelle rane). Hieraus sieht man, wie Galvani sich
fortgesetzt mit Reizung der Froschnerven beschäftigte. Um
so befremdender und bedauerlicher ist die in einer »Geschichte
des Galvanismus« von Sue mitgetheilte Legende von Frosch-
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Anmerkungen.
73 .
schenkein, die zur Suppe vorbereitet sein sollten. Wörtlich
heisst es: »On avait place par hazard sur une table, oü se
trouvait une raachine ölectrique , des grenouilles öcorchös
qu’on destinait ä faire des bouillons«. Gahani
berichtet stets historisch genau, er spricht nur von einem
Frosch, dessen Schenkel pr&parirt waren, (s. pag. 4.) Ge-
naueren Bericht findet man in der Einleitung zu den gesam-
melten Werken Galvani's, deren Titel lautet: »Opere edite
ed inedite del Professore Luigi Galvani raccolte e pubblicate
per cura dell’ Accademia delle Science dell' Istituto di Bo-
logna«. Bologna, 1841. p. IG Anm. (c) und p. 17 Anm.**
nebst Supplement.
Die Versuche über die Einwirkung der atmosphärischen
Electricität sind vom 26. April bis zum 17. August 1786 an-
gestellt. Wie leicht hätte Galvani dasselbe Unheil wie einst
.Rickmann treffen können. Rickmann wurde am 26. Juli 1753
in Petersburg bei einem ganz ähnlich eingerichteten Experi-
ment durch den Blitz erschlagen und diese Thatsaclie musste
Galvani bekannt sein, man lese in vorstehender Abhandlung
Seite 67, wo von »vorsichtiger und verständiger Anordnung«
die Rede ist.
Die im 3. Abschnitt behandelten Experimente sind weitaus
die wichtigsten. Sie datiren aus etwas späterer Zeit. Die
ersten Versuche mit metallischem Bogen wurden am 20. Sept.
1 786 angestellt und bis zum 20. Oct. fortgesetzt, sämmtlich
im Palazzo Zambeccari di Bel Poggio. Das Convolut vom
Tagebuch, das sich auf diese Versuchsreihe bezieht, trägt eine
denkwürdige Ueberschrift, von Galvani’s eigener Hand ge-
schrieben. Sie lautet: »Esperimenti circa 1’ elettricitä de’
metalli«. Und dass dieses kein Zufall, beweist die Ueber-
schrift zu einem anderen Fascikel: »Esperimenti circa 1’ elet-
tricitä dei metalli negli animali caldi«. —
In den Manuscripten befindet sich ein besonderes Con-
volut, welches mit vielen Varianten den ursprünglichen Text
zum 3. Capitel enthielt mit dem Datum 30. Oct. 1786, welches
also immer noch 5 Jahre vor Publication unserer Abhandlung
abgefasst ist.
Auf Seite 22 ist zu lesen, der erste Versuch am Eisen-
gitter sei mit einem Präparate an einem Haken aus »Messing«
gemacht. Im Tagebuche steht »uncino ferreo«, während in
der Abhandlung »uncis aereis« stellt. Von beiden Möglich-
keiten ist ja fernerhin im Text die Rede, und es bleibt
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Anmerkungen.
Galvani's unbestreitbares Verdienst, diesen Unterschied ent-
deckt und betont zu haben (Seite 27).
Auch nach der im Jahre 1791 erfolgten Publication
unserer Abhandlung hat Galvani seine Versuche fortgesetzt.
Für die historische Entwickelung der Electricitätslehre und
zur Kennzeichnung der Anschauungen Galvanik über die
thierische Electricität kommen namentlich in Betracht seine:
»Memorie sulla elettricita animale al Abate L. Spallanzann.
1797, in der alle Argumente gegen die von Volta vertretene
Ansicht über den Ursprung der Electricität in den Metallen
zur Sprache gebracht und mehrere neue Versuche vorgeführt
werden. Er sucht zu beweisen, dass Volta! s Annahme nicht
zu einer befriedigenden Erklärung der Erscheinungen führe.
Diese Abhandlung hat fast den doppelten Umfang der vor-
liegenden.
Im April 1798 wurde Galvani aller seiner Aemter für
verlustig erklärt, weil er der cisalpinischen Republik den Eid
verweigerte. Noch in demselben Jahre wurde seine Wieder-
einsetzung, auf Betreiben namentlich des Professors Aldini,
decretirt. Noch ehe der für den Januar des folgenden Jahres
angesetzte Termin erreicht war, verschied Galvani am
4. Dec- 1798 im Alter von 61 Jahren.
Im Jahre 1804 wurde Galvani zu Ehren eine Medaille
geprägt, 1814 ward ihm ein Denkmal errichtet in der Loggia
superiore dell’ antico Palazzo del’ Istituto, deren Inschrift lautet :
» Aloisio Galvano, Medico Chirurgo, Doctori Anatomes et
Artis Obstetriciae quod invento nobilissimo de suo nomine
appellato Physicam auxerit, Doctrinam eximiam pietate sin-
gulari cumulaverit, Sodales et Amici Viro per Orbem cla-
rissimo« .
Näheres zur Geschichte des Galvanismus findet man in
der ausgezeichneten Darstellung von Em. du Bois-Reymond
in seinen Untersuchungen über thierische Electricität. Berlin,
G. Reimer, 1848. I. Abschnitt, p. 32 — 156. —
1) Zu S. 22. Der Titel zu dem dritten Capitel lautet :
»De viribus electricitatis animalis in motu musculari«. Hier
könnte fraglich erscheinen, ob »animalis« das Adjectiv oder
ob es der Genitiv singularis von animal sein soll. Der Sinn
wird danach ein verschiedener. Electricität des Thieres klingt
weniger bestimmt, als thierische Electricität. Letztere Version
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Anmerkungen.
75
ist die allein richtige , weil an anderen Stellen dieselbe Zu-
sammenstellung im Accusativ als # electricitatem animalem«
vorkommt.
2) ZnS.23. Für den GedankengaDg Galvanik ist diese
Stelle besonders wichtig. Wir sehen uns daher genöthigt, für
die letzten acht Zeilen den Originaltext wiederzugeben :
»Hujusmodi sane eventus et admirationem attulit nobis haud
levem, et coepit de electricitate ipsi animali inhaerente suspi-
cionem movere aliquam. Utramque autem auxit tenuissimi
fluidi nervei circuitus veluti quidam, quem a nervis ad mus-
culos, dum phaenomenon contingeret, fieri, atque ad electri-
cum circuitum, qui in leidensi pliiala absolvitur, accedere,
casu animadvertimus«. Ich hoffe im deutschen Text den Sinn
dieser nicht ganz leicht zu übersetzenden Stelle getroffen zu
haben.
3) ZuS.27. s. Anm. 1, hier wörtlich: »argentum enim
prae ceteris metallis ad deferendam animalem electricitatem
visum est nobis idoneum«.
4) ZuS.28. Im Texte: » electricitati animalis«.
5) Zu S. 29. Zu dieser Stelle bemerkt Herr Ern. du Bois-
lleymond (Untersuchungen über thierische Electricität. Berlin
1848. Bd. I. p. 50. Anmerk.): »Diese Erfolge sind übrigens
zum Theil unverständlich. Man begreift nicht, weshalb nicht
gerade beim Glase eher als beim Siegellack Zuckungen ent-
standen, da alsdann der Strom absteigend war.« Ich habe
nun Herrn Professor Dr. Erich Harnack in Halle und kürz-
lich auch Herrn Professor Dr. M. von Frey in Leipzig ersucht,
den Versuch zu wiederholen. Von beiden Herren wird die
Richtigkeit der GrWcam’’schen Beobachtung bestätigt. Herr
von E'rey meint, »man könne auch mit einer geriebenen Glas-
stange das Froschpräparat zum Zucken bringen, aber weniger
leicht und nur wenn dasselbe frisch (noch unermüdet) ist«.
Auch hat sich Herr von Frey davon überzeugt, dass die Ver-
schiedenheit der Quanta der Electricität nicht der Grund sei.
Während eine schwach electrische Harzstange die Erscheinung
hervorrufe, sei der noch so stark electrische Glasstab unwirk-
sam. Unter diesen Umständen muss man bekennen, dass der
Versuch zwar constatirt, seine Begründung durch die Physio-
logen aber auch heute noch nicht gelungen zu sein scheint.
6) Zu S. 30. Der ganze Abschnitt wirft verschiedene
Erscheinungen durch einander, sofern die durch blosse An-
legung des Bogens hervorgerufenen Contractionen in Beziehung
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Anmerkungen.
gesetzt werden zum Zustande des Himmels und der Witterung.
So bleibt auch der Schlusssatz schwer verständlich, demgemäss
die Contractionen zunehmen, wenn nur ein Theil des Rücken-
markes mit Stanniol bedeckt wird.
7) Zu S. 32. Der ganze Absatz ist bemerkenswert!].
Deutlich tritt der Unterschied der durch Funkenziehen her-
vorgerufenen Contractionen , und der durch blossen Bogen-
schluss erhaltenen dem Autor ins Bewusstsein. Wie interes-
sant aber confundirt er trotzdem die beiden grundverschiedenen
Phänomene, indem er beim Bogenschluss eine Spitzenwirkung
gefunden haben will.
8) Zu S. 47. Der Satz ist schwierig wiederzugeben. Da
er aber nicht unwichtig ist, wegen Galvant s Auffassung vom
Bau der Muskeln, so theilen wir die Schlussworte mit : ... sive
spectata cavitate, quam nonnulli eidem tribuunt, sive sub-
stantiarum diversitate qua componi diximus, quae nequit esse
sine variis muscularie ibstantiae foveolis veluti, ac superficiebus.
9) Zu S. 50. liier der Wortlaut der bemerkenswerthen
Stelle: »animalis siquidem oeconomia semper Spiritus animales
intra nervös coercit s postulare videtur ; experimenta autem
demonstrant, oleosa maxi me subBtantia nervös couflari«.
10) ZuS-52. »spontanen instauratib«.
11) Zu S. 52. » praeterea ut in illa, sic in ista desnnt et
levioris quasi aurae sensatio, et attractio aut repulsio levissi-
morum corporum« . . .
1 2) Zu S. 55. ...» aut nervös , aut muscularein fibram
percellendo, ejusdemque. ut ajunt, irritabilitatem excitando,
an more et ingenio communis vaporis electrici peculiarcm
vehementemque attractionem . . . inducendo«.
13) ZuS.56. »eorumque constans cum muscularibus
contractionibus ratio et proportio«.
14) Zu S. 57. Sollte nicht eine Wiederholung dieser Ver-
suche noch heutzutage von Interesse sein? S. Anm. 5.
15) Zu S. 64. . . . »ut electricitas illa, quam per balneum
rccentiores appellant physici ; postrema demum, quae electrici-
tatem ex animali eripit, ut dum negativa, quam appellant
iidem physici, electricitas adhibetur«.
16) Zu S. 68. ... »quae clarrissimus Gardinius post ful-
gnra et tonitrua animadvertit , et atmosphaericae potissimum
eloctricitati vaporibus conjunctae adscripsit«.
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Univenity of California
Berkeley
Ch. Blagden, Die Gesetze der Überkaltung und Gefricrpunkts-
erniedrigung. 2 Abhandlungen. (1788.) Herausgegeben von A. J.
v. Oettingen. (-19 S.)
Reamnnr. Fahrenheit u. Celsius, Thermometrie. Herausgegeben
von A. J. v. Oettingen.
GENERAL LIBRARY - ü.C. BERKELEY
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